Preševo 09.11.15

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Preševo 10.11.15 / 8 a.m.

Die Begriffe von „heute“, „gestern“ und „vorgestern“, „damals“ und „eben“ verschwimmen. Sie werden in diesem Text nicht mehr trennscharf verwendet.

Auf dem Weg von Sid nach Süden rufen wir das selbstorganisierte Orgabüro „No Border Serbia“ und andere Freiwilligengruppen an, um uns ein Bild über die Situation in den Lagern auf den Fluchtrouten zu machen.

Map of Europe that is beeing handed out by Volunteers
Map of Europe that is beeing handed out by Volunteers

Wir erzählen, dass wir Kochequipment und Sachspenden dabei haben. Leute, die seit einigen Tagen in an der serbisch-mazedonischen Grenze in Presevo sind, freuen sich, dass wir dazustoßen. Eine andere Person, die direkt im Camp arbeitet, meint, wir sollen nicht kommen, weil schon zu viele Freiwillige da sind. Wir verlassen uns auf die Info von denjenigen, die sich Unterstützung wünschen, und fahren nach Presevo.

Unterwegs besorgen wir noch einen serbischen Internetvertrag, und können ab jetzt einen W-Lan-Hotspot für uns und andere herstellen. Blog und Twitter ahoi!

Am Abend kommen wir in Presevo an. Wir parken unsere Autos in der Nähe des Grenzlagers. Vor dem Ausgang des Registrierungscamps stehen drei zweistöckige Busse. Darum gruppiert sich eine Menschenmenge mit Gepäck und weißen Papieren in den Händen. Am Rand des asphaltierten Platzes liegen Personen, manche eingehüllt in Decken oder Schlafsäcke, andere ohne. Einige Menschen haben ein Feuer gemacht. Ein paar Meter weiter die Straße hinauf beginnen die Warteschlangen. Die rechte Straßenspur ist in mehreren Blöcken abgesperrt. Zwischen den Polizeigittern stehen hunderte von Menschen und warten auf den Einlass ins Camp und die dortigen Registrierung, damit sie irgendwann mit den Papieren in den Bussen weiterfahren können. Die Schlange ist ungefähr einen Kilometer lang. Wir schätzen, dass täglich 10.000 Personen durch das Camp ziehen.

Die Familien, Freundesgruppen und einzelnen Personen stehen dicht an dicht gedrängt hinter Gittern. Wir laufen einfach vorbei. Wir wissen nicht, wohin wir schauen sollen.

Wir sprechen mit Volunteers, die schon eine Weile vor Ort sind, und sie zeigen uns die bestehende Infrastruktur: Es gibt ein Volunteerhaus, in dem Leute kochen, schlafen und aufs Klo gehen können, im Garten stehen Zelte, in denen zu verteilendes Essen und Trinken gelagert wird, und SpendenSammelHütten mit warmen Klamotten, Schuhen und Decken. An der Straße, auf der die Flüchtenden warten, ist ein unabhängiger Infopoint und eine Teeküche eingerichtet worden.

independent volunteer tent giving out information about the route
Independent volunteer tent giving out information about the route, Foto: David Kaupp

Wir entscheiden uns, außerhalb des Camps zu helfen. Denn in dieses kommen wir ohne Registrierung nicht hinein, aber wir wollen weder unsere Autonomie gefährden, noch langfristige Repression durch Aufnahme unserer Daten wahrscheinlicher machen.

Es ist Teil unseres Care-Konzeptes, bei jedem Plenum eine „wie-geht’s-mir“-Runde einzufügen. Die meisten sind froh, angekommen zu sein und fühlen sich fit genug, noch die Nacht hindurch zu arbeiten. Jede*r benennt, welche Aufgaben sie*er gerne übernehmen würde, und wir beschließen, uns in Kleingruppen zu organisieren. Es entstehen die Arbeitsgruppen Tee, Infrastruktur/Sachspenden, Presse/Dokumentation und medizinische Notfallversorgung.

Wir übernehmen die Nachtschicht in der Teeküche und kochen warmen Tee mit kiloweise Zucker, den wir den Leuten zusammen mit Saft, eingeschweißten Schokoeclairs, Bananen und (leider nicht veganen) gekochten Eiern ausgeben. Nahrungsmittel, die keine Schale haben, dürfen nicht ausgeteilt werden, deshalb ist das alles, was wir im Vorratslager finden.

Nachdem die Flüchtenden an der Teeküche vorbei sind, gibt es in den Schlangen bis zum Camp keine Essensversorgung mehr. Die Leuten warten sechs bis zehn Stunden auf der Straße. Wir schnappen uns leere Bananenkisten, bepacken sie mit Wasserflaschen, Süßigkeiten und Salzstangen und verteilen das an die Wartenden. Oft geben Leute die Rationen an Kinder und Schwangere in den Warteschlangen weiter. Genauso gibt es auch überfordernde Momente, in denen wir mit den Kisten fast überrannt und sie uns beinahe aus der Hand gerissen werden. Die Situation wird bedrohlich und wir ziehen uns schnell aus der Menge zurück. Wir sind froh, dass wir nicht allein unterwegs sind und uns gegenseitig helfen können. Die Leute brauchen keine Süßigkeiten – sie brauchen das Ende dieser unhaltbaren Situation.

Manche belächeln uns oder fragen uns, was dieses Warten soll, was wir uns dabei denken. Einige sprechen uns an, dass sie eine warme Jacke, ein paar funktionierende Schuhe oder Decken und Mützen für ihr Baby brauchen. Wir versuchen, die Sachen in unseren Autos oder in den Sachspendenlagern aufzutreiben und die Leute in der Menge wiederzufinden, die sie brauchen.

Wir tragen Warnwesten, wie die meisten Freiwilligen. So versuchen wir anders auszusehen als Anwohner*innen und die Polizei in ihren Uniformen mit Schlagstöcken und Schusswaffen und dadurch kenntlich zu machen, dass wir für die Refugees ansprechbar sind. Auf die Rücken haben wir Parolen geschrieben: Freedom of Movement for Everybody! No Nation! No Border! Um uns von den Regierungen und Behörden dieser Welt zu distanzieren, ziert viele unserer Westen ein fettes Edding-A mit Kreis drum.

Ein Freund ist eine Woche, bevor wir losgefahren sind, in Potsdam angekommen. Er ist über den Landweg von Syrien nach Deutschland geflohen und hat uns vor unserer Reise erzählt, was ihn auf der seinen am meisten geholfen hätte. Er sagt, wir sollen die ganze Zeit lächeln. Das sei das wichtigste. „When I saw a friendly face, I felt safe. I thought I could relax for a moment. And you need to care about the kids: Play with them! In one Camp in Macedonia we had to wait for three days in the cold, without any supplies, and ten children died there, they froze to death.“ Als wir lächelnd an den eingepferchten Menschen vorbeilaufen, kommen wir uns dumm vor.

Refugees waiting in line
Refugees waiting in line behind police lattices, Foto: David Kaupp

Die meiste Zeit gehen wir umher und verteilen Infos. Die Reisenden wollen wissen wo sie sind, wie lange das ganze Prozedere dauert, ob sie die Papiere wirklich brauchen, um weiterzukommen, wo ihre Familie ist, wie es uns geht und wo wir so herkommen. Eine Menge Leute sind verunsichert von den Angebotenen vieler Taxifahrer*innen, sie direkt nach Kroatien zu fahren – ohne Wartezeit und ohne Papiere. Es gibt sehr präsente Gerüchte, dass einige Taxifahrer*innen ihre Mitfahrer*innen 30 km weiter in einem kleinen Dorf aussetzen. Ohne Papiere über die Grenze zu kommen scheint äußerst unwahrscheinlich. Wir raten den Menschen, die immer noch teuren Busse zu nehmen, um sicher zu gehen, dass sie ankommen. Infos rauszugeben bringt uns regelmäßig in Dilemmata: Wir wissen nie, ob sie stimmen, und wenn wir Tipps geben sollen, raten wir mit viel Glück zum kleineren Übel.

Ein Mensch reicht eine ausgedruckte Europakarte nach vorne, wir zeigen den Leuten, wo sich Presevo befindet und wo die weitere Route langführt. Diejenigen, die unser English verstehen, übersetzen das, was wir sagen, für diejenigen, deren Sprache sie sprechen.

Einige Leuten albern mit uns herum, wir äffen die oft sehr ungehaltenen Polizist*innen nach und lästern gemeinsam über die Gesamtsituation. Wir wissen nicht, woher sich alle diese Personen ihre Freundlichkeit und Energie nehmen. Viele von ihnen sind grade 10 km mit Gepäck und Kindern bei Nacht über Straßen und Feldwege gelaufen, um von der mazedonischen Grenze hierher zu kommen und dann mindestens 6 Stunden im Schneckentempo vorwärts geschoben zu werden.

Einige sind unglaublich hilfsbereit. Jalal* (Name geändert) stellt sich an eine vordere Ecke eines Blocks und gibt laut und fröhlich alle Infos weiter. Er spricht vier Sprachen. Wir sind davon beeindruckt, wie bereitwillig er es in Kauf nimmt, selbst eine weitere Stunde länger anstehen zu müssen, um den Leuten zu helfen, ihre Situation besser einschätzen zu können. Er erzählt allen lachend: Wir sitzen hier alle im selben Boot, ob wir jetzt eine halbe Stunde eher oder später in die Busse kommen… na und? Chillt mal und pöbelt die Volunteers nicht an, und achtet aufeinander. Irgendwann kommen wir alle weiter!

Refugees entering the registration camp
Family entering the registration camp, Foto: David Kaupp

Immer wieder in der Nacht rasen Autos gefährlich nah an der wartenden Menge vorbei. Panisch ziehen Menschen die kleineren Kinder hinter sich. Wir gehen an die Autofenster und pöbeln die Fahrer*innen an.

Es sind nur wenige Polizisten* vor Ort. Sie versuchen, die Menge zu ordnen. Bis auf einige Ausnahmen entspannter Beamten gehen die meisten dabei dominant, grob und eskalierend vor. Immer wenn ein Polizist Menschen außerhalb der Schlange gewaltvoll anschnauzt, am Arm packt, schlägt oder zurückschubst, erheben sich innerhalb der Wartenden Chöre der Empörung. Oft hilft es, als Volunteer dazwischen zu gehen und die Polizisten* mit Nachdruck nach ihrem Problem zu fragen. Meistens hören sie dann auf zu schreien oder gehen weg. Dann können wir mit den Flüchtenden ins Gespräch kommen. Die Polizisten*, die größtenteils kein Englisch sprechen, verstehen die Fragen der Flüchtenden oft nicht und antworten daraufhin mit Schreien und Gewalt. Ein bisschen dolmetschen hilft unter Umständen viel. Irgendwann beginnen einige Polizisten*, erleichert auf uns zu reagieren und uns den Refugees mit „Talk to my friend!“ vorzustellen. Ich bin nicht dein Freund, Alter…

our mobile tea station
Our mobile tea station

Wir laufen weiter die Straße auf und ab und versuchen, nicht nutzlos zu sein. Wir haben Handdesinfektionsmittel, Wärmedecken und Infokärtchen in den Taschen. Immer wieder ziehen wir mit einer improvisierten mobilen Teespendeanlage – mit Spanngurten gebastelt aus einer Sackkarre, einem Bierkasten und einem Thermobehälter – an der Menge entlang und geben warmen Tee aus. Zum Glück ist es nicht so kalt wie in den Wochen zuvor, aber die Menschen frieren trotzdem, weil sie in den Reihen kaum anderes tun können, als herumzustehen. Einige Kinder haben sich auf dem Asphalt schlafen gelegt. Wir verteilen die Decken, die wir mitgebracht haben.

Ständig werden Leute auf der Straße abgefangen und von Polizisten* angegangen, die sich außerhalb der Warteschlangen frei bewegen. Wir werden kein einziges Mal aufgehalten: The colour of our skin protects us. Wir schämen uns für uns und unsere Welt.

Mit der Morgendämmerung häufen sich Situationen krassen Gerangels. Nachts kommen die Leute zu Fuß an, ab sechs Uhr früh fahren die Busse aus Mazedonien wieder.

Die Hälfte der Gitter ist weggeräumt, drei Polizisten* stehen vor fünfhundert Menschen, die endlich ins Camp wollen. Sie schreien die Leute an, sich hinzusetzen. Teilweise gehen sie in die Menge und prügeln Leute mit Schlagstöcken. Wenn Menschen sich vorwärts bewegen wollen, schlagen sie ihnen gegen die Beine. In der ersten Reihe sitzen Kinder. Einige weinen, einige rennen herum und spielen mit Luftballons. Wir stehen daneben und beobachten die Situation, um notfalls Leute, die ohnmächtig werden aus der Menge ziehen zu können und die Polizisten* wissen zu lassen, dass sie beobachtet werden. Wir fürchten uns davor, dass die Situation kippt und die Menge losstürmt.

People are being forced to sit on the ground at night in the line while police forces struggle to manage the crowd
People are being forced to sit on the ground at night in the line while police forces struggle to manage the crowd

Ein Beamter in Vollmontur zeigt auf eines unserer Handys und macht mit dem Fuß eine Stampfbewegung auf dem Boden. Auch Volunteers erklären uns, wir sollen keine dokumentarische Arbeit machen, die Polizei wisse, dass wir Journalist*innen seien und werde deshalb so aggressiv. Als die Polizisten* das Gitter vor der Menge öffnen, rennen viele Menschen los. Eine Frau stürzt und wird beinahe überrannt, so viele Leute nehmen keine Rücksicht aufeinander, weder auf kleine Kinder noch Verletzte oder Schwangere – wir haben Angst, dass jemand lebensgefährlich verletzt wird. Ein Polizist* zeigt auf uns und befiehlt uns, sich neben ihm vor die Menge zu stellen und sie in Schach zu halten. Wir weigern uns, er schreit uns an wir sollen verschwinden und kommt mit Drohgebärden auf uns zu. Wir verlassen die Situation. An einer anderen Stelle in der Schlange werden die Menschen in eine Reihe getrieben von der Polizei. Die Menschen stehen so dicht aneinander, dass eine Frau mit Kind gequetscht wird und anfängt zu schreien. Andere versuchen sie zu beruhigen, aus der Reihe heraus gelassen wird sie von den Polizisten* nicht.

Auch die Situation an der Teeküche wird immer angespannter. Tausende von Leuten schieben sich an den Zeltwänden vorbei, die wackligen Tische scheinen immer wieder fast umzukippen. Wir stecken die Köpfe aus den Planen und bitten die Leute etwas weg vom Rand zu gehen, sie sind hilflos ob der allgemeinen Dynamik und versuchen dennoch ein bisschen zur Seite zu rücken und rufen in verschiedenen Sprachen die anderen ebenfalls dazu auf. Das Zelt steht für einige Minuten wieder sicherer. Wir haben so wenige Bananen übrig, dass wie sie inzwischen nur noch an kleine Kinder rausgeben. Allen anderen versuchen wir in den 10 Sekunden, die sie an unserem Zelt vorbeigedrückt werden, zu kommunizieren, dass sie stark sind, dass sie das auch ohne Essen schaffen. Die Lage ist beschissen. Auch die verbale und sogar teilweise physische Gewalt von Seiten einiger Volunteers gegenüber den Refugees wird mehr. Alle sind mit der Situation überfordert. Irgendwann schließen zwei der Volunteers die Teeküche. Durch die Plastikplanen sehen wir zwei Kinder, die unser müdes Lächeln erwidern. Wir schneiden Grimassen und sie lachen.

Uns schießt eine Erinnerung durch den Kopf: Ein Freund von uns aus Potsdam hat wochenlang mit seinem bestem Kumpel mitgefiebert. Bei jeder SMS von hat er Freudensprünge gemacht und erzählt „He’s in Macedonia! He’s in Serbia! He’s in Austria! Oh my God, he’s in Germany now! I so hope he will come to Potsdam!“ Es ist ein Wunder, dass so viele Leute diese Katastrophe so lange überlebt haben. Wir wissen nicht, wie viele schon unterwegs gestorben sind. Der Weg nach Deutschland/Schweden/Belgien/… ist noch weit. Und auch nach dem „Ankommen“ sind die Leute unter der z.B. deutschen Asykpolitik nicht sicher. Die Bundesregierung tut immer noch so vieles dafür, dass Asylsuchende hier kein selbstbestimmtes Leben führen können: Die Situation hat sich gerade in den letzten Tagen nochmal verschlechtert, durch die kürzlich in Kraft getretene Asylrechtsverschärfung. Diese stellt beispielsweise Sozialleistungen wieder auf Ausgabe von Sachleistungen und Gutscheinen um und vereinfacht plötzliche Abschiebungen, die Personen abrupt aus ihrem Lebenskontext und Familien auseinander-reißen.

Es geht das Gerücht um, die EU verfolge die Strategie, Menschen in jedem Grenzlager für 2 Wochen festhalten zu wollen um den „Flüchtlingsstrom zu verlangsamen“. Jede Stunde hier ist hart.

Trash and police
Trash at the side of the queue, Foto: David Kaupp

Die hygienischen Zustände werden immer krasser. Es gibt 10 Dixies für Tausende von Menschen. Überall riecht es nach Urin und Fäkalien. Wir gehen gegen 9 Uhr morgens ins Bett. Auf dem Busparkplatz kehrt die Müllabfuhr Plastikbecher auf. Bei diesem Anblick wird uns unwillkürlich warm ums Herz. Die Wartestraße bleibt dreckig.