Miratovac 13.11.15

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14.11.15 / 11 a.m.

Gestern sind wir in Miratovac angekommen – einem kleinen Dorf nahe der serbisch/mazedonischen Grenze. Die Leute müssen von der Grenze aus eine Landstraße entlang laufen, um in Busse zum Camp nach Preševo zu steigen, wo sie registriert werden.

Miratovac
People need to walk uphill along a dust road from the border to board busses to the refugee camp in Presevo, Foto: David Kaupp

„Die Balkanroute“ war für uns bisher eine abstrakte topografische Angabe: Leute fliehen aus Pakistan/Afghanistan/Syrien und anderen Orten nach Deutschland etc., und kommen dabei eben irgendwie über Griechenland und einige andere Balkanstaaten. Hier, anders als in den Grenzlagern, verbildlicht sich der kritisch zu betrachtende Begriff „Flüchtlingsroute“: Der Strom der Leute reißt nicht ab. Maximal einige Meter zwischen den Gruppen, laufen sie die staubige Straße hinauf. Wir füllen Wasser aus Kanistern mit großen Schöpfkellen in Becher um und geben außerdem Wasserflaschen mit. Eine Frau* ist so durstig, dass sie sich die Hälfte des Inhalts ins Gesicht schüttet, als sie zu trinken versucht. Die andere reicht sie uns zurück. Sandwiche mit halal/koscherem/veganem Aufstrich haben wir auch dabei. Einige Menschen ziehen grüßend vorbei und wollen schnell weiter, andere sind völlig fertig und stellen sich zu uns neben den Heuballen. Es ist der einzige Schatten auf dem Stück Straße, das wir überblicken können. Sie trinken Wasser und unterhalten sich mit uns.

We brought water for the refugees, standing at the side of the road
We brought water for the refugees, standing at the side of the road, Foto: David Kaupp

Wir treffen die Zwillinge Shadi und Hadi (Namen geändert), Shadi nimmt sich eine der EU-Karten, die wir dabei haben und mit Ergänzungen zu den verschiedenen Stationen rausgeben, und lässt sich von uns die Ländernamen der möglichen Routen erzählen. Wir haben es vor unserer Abreise nicht mehr geschafft, EU-Karten mit arabischen Buchstaben auszudrucken, deshalb sind sie nur mit lateinischen Schriftzeichen versehen. Das tut uns leid, es erschwert die Verständlichkeit und mindert den Nutzen der Karten.

In Sid sind wir Leuten aus Leipzig begegnet, die dort einen autonomen Infostand aufbauen wollten. Sie haben uns kleine Kärtchen mitgegeben mit der Adresse von www.w2eu.info, einer Seite, auf der unabhängige solidarische Menschen Informationen zu möglichen/unsicheren/unmöglichen Fluchtwegen zusammentragen. Diese teilen wir an die Leute aus. Oben auf dem Heuballen liegt unser WLAN-Hotspot, so können alle z.B. übers Internet telefonieren.

Eine Person kommt auf zwei Frauen unserer Gruppe zu und fragt uns lächelnd etwas auf arabisch. Mit Hilfe des Piktogrammwörterbuches finden wir heraus, dass sie Menstruationsbinden braucht. Wir haben Packungen gespendet bekommen und sind glücklich, welche rausgeben zu können.

Miratovac
At day it is very hot and dusty while at night it gets freezing cold and there are no lights along the street. Foto: David Kaupp

Viel Gepäck hat niemand dabei, oft nur eine Decke auf der Schulter und eine Plastiktüte in der Hand. Häufig haben Leute ihre Rucksäcke an der türkischen Mittelmeerküste zurückgelassen: Sie sind lebensgefährliches Gewicht auf den kleinen und vollen Booten zur griechischen Küste.

Dennoch sind die ökonomischen Unterschiede zwischen Menschen so stabil, dass sie selbst in der krassen Fluchtsituation bestehen bleiben. Manche wollen mit ihren Kindern in Presevo im Hotel übernachten, bevor sie sich der Tortur des Wartens aussetzen. Wir haben dort mit anderen gesprochen, die seit drei Tagen vor dem Lager festsaßen und kein Geld mehr für den Bus nach Sid hatten.

Uns wird von einer Volunteer gesagt, die Busfahrer*innen hätten die Entscheidungshoheit, pro Bus ein/zwei Leute für umsonst mitzunehmen. Einer der Busfahrer erzählt uns auf Nachfrage, er habe da gar nichts zu sagen, ihm sei das von seinem Chef verboten worden. Wir hören, es gäbe einen Solifonds vom UNHCR. Ob davon wohl schonmal jemand was gesehen hat? Andere unabhängige Freiwillige berichten uns amüsiert, wie sie vom UNHCR gefragt worden sind, ob sie ihnen nicht Geld für ihren Solifonds spenden könnten. Ihre Mittel seien erschöpft. Naja, ein Etat von rund 7 Milliarden US$ jährlich sind eben auch weit weniger Geld, als man in ein paar Wochen von privaten Spender*innen sammeln kann. Es muss hart sein, als so idealistische Behörde immer derart auf dem Zahnfleisch zu kriechen.

Die unabhängigen Volunteers haben kein Interesse daran, ihre Mittel aus der Hand zu geben. Wir unterhalten uns über finanzielle und andere Einzelfallhilfe: Wir alle kennen den Spruch „Wir lassen das lieber, denn wir können eh nicht allen helfen „. Dieser Satz hat nur seine Berechtigung, wenn Hilfe für einige wenige eine konkrete Bedrohung für alle anderen darstellt. Ansonsten fällt er in die Kategorie Alltagsrassismus: Es sollte nicht um humanitäre Hilfe für „DIE Refugees“ als anonyme Menschenmasse gehen. Genau wie beispielsweise im eigenen Freundeskreis zu Hause, zählt auch hier jede einzelne Biografie.

Würde „Fluchthilfe“ nicht aufs härteste kriminalisiert und teilweise mit mehrjährigen Gefängnisstrafen geahndet werden, könnten die Leute einfach weitertrampen. Wir werden einen Platz im Auto frei haben, wenn wir zurück fahren.

 

Miratovac
Refugees walking down the dust road from the Macedonian border to Miratovac where they can board busses to the camp in Presevo, Foto: David Kaupp

 

Es ist dunkel. Einige Menschen haben Musik auf ihren Handys laufen, deren Displays den Holperweg ein wenig beleuchten. Einmal hören wir eine Gruppe an uns vorbeiziehen, die gemeinsam gegen die Nacht ansingt.

 

14.11.15 / 10 p.m.

Heute Mittag hat sich das zweite unserer Autos auf den Weg zurück gemacht. nachdem wir unsere Freund*innen verabschiedet haben, sind wir jetzt noch zu dritt aus unserer Gruppe hier. Für den Moment ist alles still. Aufgrund des Generalstreiks in Griechenland fahren keine Fähren, sodass weder in Miratovac noch in Preševo irgendwer ankommt. Das ist gut für die Menschen, die momentan hier durchkommen, da es nicht überfüllt und stressig ist. Doch viele der Freiwilligen sind angespannt. Für die Flüchtenden, die mit dem großen Ansturm alle auf einmal kommen, könnte die Lage morgen schlimmer sein als zuvor.