Šid 08.11.15

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10.11.15 / 1am

Heyhey!

Nachdem wir vorgestern so schön schrieben: No troubles at the borders so far, hat sich der ungarisch-serbische Grenzübertritt doch etwas hinausgezögert…

Trucks mit Spenden werden aus bürokratischen Gründen nicht einfach ins Land gelassen, kleinere Busse, die mit Eigenbardarfs-Equipment auf ein Festival fahren, aber schon.

our camp at a gas station near Sid
Our camp at a gas station near Sid

Letztendlich sind wir gestern Vormittag mit allen drei Autos an einer Tankstelle bei Sid angekommen. Hier stehen einige Reisebusse vor einem alten Motel. Ungefähr 700 Leute warten seit einigen Stunden darauf, dass die Züge in Sid weiterfahren, damit sie ihre Reise in Richtung Kroatien fortsetzen können.

 

Wir treffen andere Freiwillige, die eine Europakarte aufgehangen haben und druckfrische Infos an die Wartenden verteilen. Von Seiten der staatlich organisierten Transportwege wird kaum Transparenz geschaffen. Viele Menschen wissen nicht genau, wo sie hingebracht wurden und werden.

Es gibt ein Motel, in dem die Leute sich aufhalten können, und einen Frischwassertank. Kinder machen Seifenblasen. Überall liegt Müll. Die Menschen haben keine andere Wahl, als sich während der stundenlangen Wartezeit zwischen die Müllberge zu setzen.

Piles of trash among which people have to wait
Piles of trash among which people have to wait, Foto: David Kaupp

Wir wollen warmen Tee ausgeben. Offizielle Personen (uniform + unfreundlich) erzählen uns, wir sollen uns für eine Akkreditierung an das Serbische Rote Kreuz wenden. Wir fangen einfach an.

Überall ist es dreckig, wir haben an die tausend Müllsäcke und Einmalhandschuhe dabei. Viele der Leute auf der Flucht helfen uns und stopfen mit uns den ganzen Müll in Säcke. Nach einer halben Stunde ist der Ort soweit aufgeräumt und wir bauen Brenner und Töpfe auf.

Refugees helfen uns mit Übersetzungen vom Englischen in andere Sprachen. „Warmer Tee in einer Stunde“, „Tee ohne Koffein“, „Viel Glück“.

Ein kleiner Junge kommt auf uns zu und fragt uns auf Arabisch nach etwas. Wir verstehen nichts und er wird ungeduldig mit uns. Was los mit euch? Seid ihr blöd? Ein Piktogrammbuch, das wir dabei haben, rettet uns: Der Junge zeigt auf ein Bild mit einem Getränk. Ahh, Becher! Voll gut, haben wir da. Es passiert schnell, mit den einfachsten Bedürfnissen der Menschen überfordert zu sein, solange wir kein klares Konzept zur Ausgabe von Ressourcen haben.

Die Leute können sich an dieser Routenstation frei bewegen und wir kommen mit einigen ins Gespräch. Die meisten Menschen, mit denen wir reden, sind trotz all der hinter ihnen liegenden Strapazen albern und freundlich.

Einige erzählen uns ihre Stories und erlauben uns sie zu portraitieren, andere laufen lächelnd auf uns zu und möchten mit uns Fotos machen.

Ein alter Mann mit Krücken kommt zu uns und fragt uns in Oxfordenglisch ob wir unter Umständen Schuhe in Größe 44 für seinen Sohn hätten, dessen Schuhe seien kaputt und seine Füße fängen an zu bluten, wenn er länger noch damit liefe. Wir suchen die passenden Schuhe raus und bringen sie zu ihm. Als wir sie ihm geben wollen, fahren die Busse gerade ab. Eine Frau nimmt sie noch schnell entgegen und gibt sie weiter. Ob sie angekommen sind, wissen wir nicht. Wir sind noch nicht organisiert genug, um effizienter helfen zu können.

People waiting next to the busses to go on to Sid
People waiting next to the busses to go on to Šid, Foto: David Kaupp

Einige von uns fahren los, um einzukaufen. Wir finden einen kleinen Kiosk, der am Sonntag geöffnet hat und kaufen ihn leer. Mit unseren Bedarfslisten überfordern wir den Kassencomputer und die Chefin muss angerufen werden. Keine von uns spricht Serbisch; die Ladenleute sind super hilfsbereit, auch wenn wir uns nur mit Händen und Füßen unterhalten können. Wir besorgen noch ein paar serbische SIM-Karten für unseren Konvoi. 11,11€ pro Minute mit den deutschen Tarifen ist uns dann doch zu happig. Da vermisst mensch glatt die EU… immerhin gibt es innerhalb der Festung gute Handytarife.

In der Zwischenzeit geben Leute weiter Tee aus. Immer wieder kommt eine Person in Uniform vorbei, die Autorität für sich beansprucht und schreit uns an. Wir spielen auf Zeit und versuchen, mit der Behördlichkeit zu reden. Die droht bald mit der Polizei, wenn wir nicht aufhören, die Leute zu versorgen.

Wir räumen die Teeküche.

Wir sind noch unsicher, wie wir mit derartiger Repression umgehen wollen. Auf der einen Seite ist es grade nicht lebensnotwendig, weiter Tee zu kochen, daher lohnt sich der Stress mit allen seinen Ressourcen verschwendenden Konsequenzen vielleicht nicht. Gleichzeitig geht es gar nicht, wenn „Autoritäten“ selbstorganisierte Solidarität behindern. Wir können nicht tagelang durch Serbien im Kreis fahren und uns überall das Essen kochen/Tee ausgeben/Klamotten verteilen verbieten lassen und ob staatlicher Sinnlosigkeit mit den Schultern zucken.

Um einen Aktionskonsens in der Gruppe herzustellen und Arbeitsprozesse zu koordinieren, plenieren wir täglich und unterstützen uns gegenseitig mit einem Care-Konzept. Damit mehr Personen mitbekommen, welche Bedingungen hier für Menschen auf der Flucht herrschen, twittern wir regelmäßige Updates zur Situation vor Ort (@refugee_supp). Wir möchten Öffentlichkeit darüber herstellen, wie Behörden sich regelmäßig weigern, sich um menschenwürdige Bedingungen zu bemühen und ihre Arbeit zu machen. Nachts setzen wir uns ins Auto, schreiben Berichte wie diesen hier und sortieren die Fotos, die wir gemacht haben.

In Berlin und Potsdam sitzt unser Backoffice. Vier Menschen suchen für uns Infos zu aktuellen Lage raus und leiten sie gebündelt an uns weiter. Außerdem setzen sie uns mit den anderen Konvois, die sich gerade auf den Weg machen oder vor Ort sind, in Verbindung. Wenn wir gerade kein Internet haben und per SMS kommunizieren müssen, posten sie Tweets für uns oder suchen uns die Nummern der deutschen Botschaft in Serbien raus. Diese Struktur ist unglaublich hilfreich, da vor Ort kaum Zeit bleibt, sich um derartiges zu kümmern. Danke an euch.

Eine andere Volunteergruppe in Sid hat Kontakt zu einer Gruppe aus Sachsen-Anhalt, die vor dem Camp in Presevo einen Infopoint aufgebaut haben und Tee kochen. Wir verteilen noch ein paar Schlafsäcke an Leute, die in der Kälte warten und fahren weiter Richtung Südserbien.

Unterwegs sehen wir Schilder mit einem „EO“ in einem Kreis von weißen Sternen auf blauem Grund: Peel the European Onion! No borders! Wenn Leute aus Städten und Dörfern fliehen, in denen zu leben ihnen nicht mehr möglich scheint, darf danach kein weiterer Albtraum beginnen. Sichere Fluchtwege jetzt!