Dobova 13.11.15

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Dobova 13.11.15 / 12 a.m.

Aufgrund unserer ärgerlichen Auseinandersetzung mit dem serbischen Zoll mussten zwei Mitglieder unserer Gruppe Preševo und Serbien Hals über Kopf am Mittwoch verlassen. Die Probleme, die uns von den Zollbehörden bereitet wurden, werden wir in einem separaten Beitrag erklären. Hier schildern wir unsere Erlebnisse seit der verfrühten Abreise aus Preševo.

While staying in Dobova we had to wear these wests to avoid conflicts with authorities
While staying in Dobova we had to wear these wests to avoid conflicts with authorities

Gegen 21 h erreichen wir den Grenzübergang Batrovci zwischen Serbien und Kroatien. Wir halten an der ersten Raststätte auf der kroatischen Seite an, um die nächsten Tage zu planen. Da wir keine Gruppe in Kroatien erreichen, fahren wir nach Osijek, um die Nacht dort zu verbringen und weitere Informationen zu sammeln. Wir entscheiden, um weitere Schwierigkeiten zu vermeiden, nicht noch einmal nach Serbien einzureisen. Im Transporter befinden sich ca. 1000 kg Sachspenden, zwei Großzelte, ein Stromerzeugungsaggregat und Küchenequipment. Auf unserem Weg über Landstraßen nach Osijek ist von Camps oder dergleichen nichts zu entdecken. Am Morgen finden wir heraus, dass für Kroatien die Registrierung im Lager von Slavonski Brod durchgeführt wird. Da dort jedoch autonome Helfer*innen nicht arbeiten können, fahren wir weiter über Zagreb nach Dobova in Slowenien. In diesem kleinen Ort kommen täglich Züge aus Slavonski Brod an. Bei unserer Ankunft können wir die letzten Aufbauarbeiten an einem hoch professionalisierten Lager beobachten: innerhalb eines Tages wurde etwa ein halber Hektar Acker mit Asphalt überzogen, auf dem riesige, mit warmer Luft beheizte Zelte stehen. Die ungarische Caritas unterhält eine medizinische Versorgungsstation, das Rote Kreuz verwaltet ein großes Zelt voller Sachspenden. Wir treffen auf eine Gruppe von Freiwilligen aus Berlin, die sich schon seit ein paar Tagen hier in Bodova aufhält. Zwei Ärztinnen, die Teil der Gruppe sind, arbeiten im Medizelt der Caritas, sodass wir als Helfer*innen über diese Organisation akkreditiert werden. Auf diese Weise erhalten wir weitgehend uneingeschränkte Bewegungsfreiheit im Camp und auf dem Bahnhof.

Nach und nach können wir uns ein Bild von der Prozedur machen, der die flüchtenden Menschen in Dobova unterworfen sind. Auf einem der Öffentlichkeit durch Polizeiabsperrungen entzogenen Teil des Bahnhofs steigen die Leute aus. Es empfängt sie ein Aufgebot von ca. 40 Polizist*innen und 20 Soldaten*. Die Soldaten* tragen ihre geladenen Dienstwaffen mit sich herum; welchen Nutzen sie in dieser Situation haben, ist vollkommen unklar. Eine reine Einschüchterungsmaßnahme. Auf dem Gleis gibt es erste Versorgung mit Snacks, Wasser, Kleidung und Schuhen. Ein notärztlicher Dienst ist vor Ort. Nach einiger Wartezeit werden die Menschen mit Linienbussen in das frisch errichtete Camp gefahren. Dort sind alle Wege mit Hamburger Gittern vorgegeben. Es gibt erneut Wasser und Snacks, dann geht es weiter in ein großes Zelt. Von dort führt eine lange Schlange in das Zelt, wo die Registrierung durchgeführt wird. Anschließend werden die Leute in die großen Zelte gebracht, wo dünne Matten und Decken liegen. Die ganze Zeit sind ca. 50-100 Polizist*innen im und um das Camp anwesend, es herrscht viel Kommen und Gehen. Außerdem stehen wieder Soldat*innen mit automatischen Waffen herum. Ein kleiner Panzer bewacht den Eingang zum Camp.

Some Volunteers worked in the caritas medical tent
Some Volunteers worked in the caritas medical tent

Etwa sechs Stunden dauert es, bis alle im Camp registriert und zum Schlafen in die Zelte gebracht sind. In dieser Zeit versorgen wir die Leute mit Wasser und anderen Sachen, im Medizelt der Caritas werden kleinere Wunden und Erkrankungen behandelt. Zunächst will das Rote Kreuz die Sachspenden nicht rausgeben, später haben sie nicht mehr genügend Personal, um uns daran zu hindern. Auch über die Herausgabe von Decken an die Frierenden muss mit dem UNHCR diskutiert werden. Da es Fischkonserven zu essen gab und in den Zelten keine Mülleimer stehen, beginnt es dort in der Nacht furchtbar zu stinken. Zusammen mit anderen Freiwilligen sammeln wir den Müll aus den Zelten, damit die Luft erträglich bleibt. Diejenigen, die Rauchen, können wir mit einigen Zigaretten und vor allem Feuer versorgen; die Polizei konfisziert bei der Registrierung Streichhölzer und Feuerzeuge.

Wir machen unterschiedliche Erfahrungen mit der Polizei. Helfer*innen, die registriert sind, bleiben unbehelligt. Manche Polizist*innen geben sich Mühe, auf die Bedürfnisse der Wartenden im Camp zu achten und geben den Freiwilligen entsprechende Hinweise. Am Bahnhof bekommen wir die Information über die Grenzschließung in Österreich von einem Polizisten. Andere wiederum versuchen, persönliche Gespräche zwischen flüchtenden Menschen und Freiwilligen zu unterbinden. Wir versuchen vorerst nicht, Kontakt zu den Soldat*innen aufzunehmen. Wir erleben hier keine direkte physische Gewalt gegen Geflüchtete. Dafür ist das Gewaltpotential, das durch Gitter, Uniformen und Waffen signalisiert wird, enorm hoch. Am Bahnhof begegnen wir zwei Bundespolizisten. Sie sind nach eigenen Angaben zur Unterstützung der slowenischen Polizei seit zwei Wochen in Dobova. Ihre Einheit ist auf internationale Unterstützungseinsätze spezialisiert und war in den vergangenen Monaten schon in Serbien, Ungarn und Kroatien stationiert. Sie sind nicht Teil der slowenischen Befehlskette und handeln daher aufgrund selbstständiger Einschätzungen der Lage. Wir sehen auch Polizisten aus Tschechien und Estland.

Refugees were sleeping in crowded trains
Refugees were sleeping in crowded trains

Als die Züge nach Österreich nicht weiterfahren, weil im Lager in Spielfeld keine Flüchtenden mehr aufgenommen werden, spannt sich die Situation am Bahnhof erheblich an. Die Polizei lässt nun auch nicht mehr alle Helfer*innen in den abgeriegelten Bereich. Die Menschen, die eigentlich weiterfahren sollten, werden gezwungen, auf dem Bahnsteig zu warten. Die Registrierung der Menschen in dem einfahrenden Zügen, die in der Nacht weiter aus Slavonski Brod kommen, wird auf dem Bahnhof gemacht. Dort befinden sich Buchten für den Umschlag von Vieh, die zu Büros und Warteräumen umfunktioniert werden. Den wartenden Leuten ist sehr kalt, doch dürfen die vorhandenen Decken nicht verteilt werden – sie sollen nicht mit in die Züge genommen werden. Wir können mit warmer Kleidung, Mützen, Schals, Decken und Schlafsäcken aus unserem Transporter weiterhelfen. Die Sachen werden uns aus den Händen gerissen, die Lage ist aufgeregt und sehr gedrängt. Außer uns und wenigen Freiwilligen aus Berlin kümmert sich niemand um die Versorgung. Es besteht große Unsicherheit, wie sich die Lage in Reaktion auf die Anschläge in Paris in der nächsten Zeit hier und auf der Route verändern wird.