Miratovac 17.11.15

This post is also available in/Dieser Post ist auch verfügbar auf: Englisch

Miratovac 17.11.15 / 7 a.m.

Heute früh um acht soll irgendein EU-Diplomat nach Miratovac kommen. Wir haben da mal was vorbereitet.

non damage graffitti - no stress with the locals
dear EU! fences don’t bring people back to life. safe passage now! Foto: David Kaupp

In der Nacht suchen wir nach einer geeigneten Stelle, an der wir eine Botschaft für den hohen Besuch anbringen können. Schließlich zeigt uns ein Taxifahrer eine Hauswand und meint „Here you can do! Not there – problem for family – but here you can do.“ Wir wollen kein Grafitti an die Wände sprühen, um den Locals keinen Ärger zu machen. Deshalb befestigen wir vier Müllsäcke mit Unmengen Gaffa an der Wand, und sprayen unsere Nachricht darauf. Einige Geflüchtete stehen uns um herum und kommentieren, was wir tun. „Wow, nice, can I do also?“ – „Klar!“ Einer schreibt: „I love you“ auf das Transpi. Wir müssen lachen. Ein anderer fragt „Can I write my name?“. „Sure, but we’ll take a picture of it and upload it in the internet – that might be dangerous then?“ – „No no, that’s ok for me!“ Wir stehen mit den Leuten herum und sie versuchen, uns etwas Farsi beizubringen. „Dankeschön“, „du bist nett“, „das ist verrückt“. Sie sind aus dem Iran geflohen, und wollen nach Deutschland. Einer malt einen Umriss in die Luft: „This is Germany. Is it better to go to the East, or to the West?“ Wir überlegen. „Köln, Stuttgart, Hamburg?“, fragt er weiter. Wir überlegen immer noch… Sachsen und Bayern liegen im Osten… Ähem. Einer der Männer bietet uns seine Handschuhe an – falls wir frieren, weil wir keine anhaben.

 

To-Do-Liste für EU-Abgeordnete:

  • humanitäre Krise beenden
  • binnenpolitische Krise beenden
  • globale wirtschaftliche Krise beenden
  • gesellschaftlich-soziale Krise beenden

Naja, Europa…

Solidarity is our weapon. Viva la Anarchia!

 

Miratovac 17.11.15 / 11 a.m.

Gleich machen wir uns auf den Rückweg. Wir spielen mit dem Gedanken, das Auto, was uns für die Reise geliehen wurde, zu entführen und damit durchzubrennen. Es ist uns als sichere Höhle (Schlafplatz, Arbeits- und Rückzugsraum) ans Herz gewachsen.

Nicht alles kommt wieder zurück in den Anhänger. Einer unserer Brenner bleibt in Miratovac, den können andere solidarische Gruppen hier noch brauchen und irgendwann wieder mit zurück nach Berlin/Potsdam bringen. Auch ein Erste-Hilfe-Karton und kleines Equipment wie das Internet-Dings und die Verteilersteckdosen für die öffentliche Handyladestation bleiben da.

Wenn wir unterwegs sind und zwischendurch Strom haben, wollen wir an diesem Blog weiterschreiben. Zu dokumentieren und öffentlich zu machen, was hier und anderswo passiert, scheint uns nicht nur politisch notwendig. Es spielt auch für uns persönlich eine Rolle. Die Bilder und individuellen Geschichten, die wir hier mitbekommen, sind hart. Aber was uns emotional wirklich raushaut, sind die Nachrichten offizieller und inoffizieller (binnen)europäischer Politik, die über Medien und Vernetzungskanäle mit anderen Freiwilligen bei uns ankommen. Was uns in den Bauch schlägt, ist das Bewusstsein, dass all diese Scheiße hier auf Entscheidungen irgendwelcher privilegierter Leute beruht, die Flucht vermutlich nie erfahren haben, die von Steuergeldern dazu bezahlt werden, ihren eigenen Reichtum zu schützen – und die sich auch anders entscheiden könnten. Während Menschen entlang der Blakanroute in der Kälte warten müssen, dabei mit uns quatschen und Tee trinken und davon erzählen, was sie nach ihrer Ankunft vorhaben, erhalten wir Nachrichten von rechter Hetze und faschistischen Übergriffen in Deutschland, von Abschiebungen und „Rückführungen“, von neuen „sicheren Herkunftsländern“, härteren Gesetzen gegen Fluchthilfe, von Stacheldrahtzäunen und Grenzschließungen. All das macht uns Angst.

Wir haben uns vorgenommen, auf dem Rückweg nochmal in Presevo, Sid und Dobova vorbeizufahren, um zu schauen, wie sich die Lage dort entwickelt hat.