Miratovac 15.11.15

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Miratovac 16.11.15 / 7 a.m.

Gestern haben wir die meiste Zeit damit zugebracht, Aufstrich zu machen, Brot zu schneiden und später Sandwiches und Wasser auf der Straße von der mazedonischen Grenze nach Miratovac auszugeben.

Sandwiches sind eine ziemlich ineffiziente Wahl, da es viel Zeit und Hände erfordert, eine kleine Zahl an Menschen damit zu versorgen. Ihr Vorteil liegt in ihrer einfachen Handhabbarkeit. Außerdem können die Leute sie – anders als Suppe, von der wir in kürzerer Zeit mehr Portionen machen könnten – mitnehmen und essen, wenn sie Hunger bekommen.

Einige hundert Menschen sind vorbeigelaufen: Es ist spannend zu beobachten, was für Bindungen man knüpft. Die meiste Zeit kannst Du Dich nicht an Passant*innen als Menschen erinnern, die Du überhaupt jemals getroffen hast, einige findest Du anstrengend… Und ab und zu gibt es eine Person, von der Du weißt, dass Du sie nicht vergessen wirst. Es ist ein seltsames Gefühl, Auf Wiedersehen zu sagen – und viel Glück zu wünschen.

practical solidarity from local farmer
Practical solidarity from local farmer, Foto: David Kaupp

Ein Mann schaut unter dem Heuballen, den wir in Beschlag genommen haben, etwas im Internet nach, während er sich mit uns unterhält. Er spricht Arabisch, Französich und Englisch und wollte nach Frankreich oder Belgien. ‚Aber jetzt‘, murmelt er, ’nach dem, was passiert ist… Der Terror ist eine Schande. Frankreich ist jetzt zu… es ist eine Schande.‘

freedom and equality - take care of onanother!
For freedom and equality – take care! Sternstunden der Misanthropie: Diese Welt gibt uns wenig Raum, um Trauer über grausame Taten zu empfinden, weil wir mit der Angst davor beschäftigt sind, welche noch dümmeren und leidvollen Konsequenzen andere daraus ziehen. In jeder Situation steht die Entscheidung neu aus: Reagiere ich mit Solidarität oder mit Abschottung? Europas Tendenz ist eindeutig. Foto: David Kaupp

Am Abend stellen wir fest, dass wir nicht genügend Gemüse und Linsen haben, um Aufstrich für den nächsten Tag zu machen, also entschließen wir uns, ein paar Lebensmittel zu besorgen. Es ist hier überraschend einfach, am Sonntagabend einzukaufen. Die meisten Läden sind noch offen. Nach einigen Schwierigkeiten, das Wort „Linse“ zu erklären – we haben sogar einen Sack Gurken umsonst bekommen von einem sehr freundlichen Ladenbesitzer in Miratovac – bekommen wir endlich alles zusammen, was wir brauchen.

In der Zwischenzeit hat die Polizei willkürliche Checkpoints überall in Preševo eingerichtet und kontrolliert an jeder zweiten Ecke Autos. Auf dem kurzen Weg zum Supermarkt in Preševo haben wir elf Checkpoints passiert. Auch in Miratovac ist auf einmal Militärpolizei mit automatischen Waffen aufgetaucht. Gerüchte behaupten, die erhöhte Kontrolldichte komme aufgrund des Besuchs des serbischen Premierministers zustande.

Am Abend sehen wir einen Staatskonvoi mit getönten Scheiben wichtigtuerisch durchs Dorf rasen. Angeblich wurden die Beamten, die die Registrierung im Camp machen, nach dem Staatsbesuch mehr als verdreifacht – von 4 auf 13. Die Schlange ist so schnell auf weniger als die Hälfte der Länge geschrumpft. Die durchschnittliche Wartezeit beträgt nun angeblich eine halbe Stunde. Wir brechen in Anbetracht dieser Neuigkeiten in hilfloses Gelächter aus.

Military police in front of the volunteer base
Military police in front of the volunteer base, Foto: David Kaupp

Letzte Nacht haben wir wieder damit verbracht, Sandwiches zuzubereiten. Unser ursprünglicher Plan, sie heute an der Straße auszuteilen, wird schnell obsolet, als in der Nacht hunderte von Geflüchteten ankommen und nach Essen fragen. Innerhalb von ein paar Stunden sind alle 400 Brote verteilt.

Immerhin ist es demnach eine gute Idee gewesen, weitere 100 Brote zu diesem Morgen zu bestellen. Momentan ist es sehr schwierig abzuschätzen, wer welche Vorräte brauchen wird. Die Lage scheint sich so oft zu ändern; in einigen Phasen kommen alle zehn Minuten 50 Leute vorbei, dann wieder für zwei Stunden überhaupt keine. Wir konnten keine Freiwilligen in Griechenland erreichen, um mehr über den Rhythmus herauszufinden.

Nachdem wir mit Essen machen, abwaschen, aufräumen, Boden wischen fertig sind, setzen wir uns an den nächsten Blogeintrag und das Sortieren der Fotos. Vor dem kleinen, verlassenen Laden, den die Freiwilligen gemietet haben und jetzt als Lager und Küche nutzen, liegt eine kleine Straßenecke. Die Leute halten in der Nacht immer wieder hier an und ruhen sich aus. Sie wirken froh über den warmen Tee, der ihnen angeboten wird.

Um etwa vier Uhr morgens kommt eine Gruppe Flüchtender vor dem Laden an. Sie zitterten alle nach dem langen Weg bei etwa 0°C. Wir bitten sie in den Laden und hoffen, damit keinen Ansturm auf den relativ kleinen Raum auszulösen. Eingehüllt in Decken, und mit einem heißen, zuckrigen Tee in ihren Händen erholen sie sich langsam und beginnen, mit uns zu reden. Obwohl wir nur etwa zehn Worte Arabisch sprechen und sie nur ein paar Worte Englisch, haben wir eine recht angeregte Unterhaltung über ihre Heimat in Syrien und Hochzeitspläne nach ihrer Ankunft in Deutschland, indem wir ein Piktogrammwörterbuch und improvisierte Zeichensprache verwenden. Die Atmosphäre ist leicht und entspannt. Wir sind dankbar, es hebt unsere Laune und stellt ein wenig unserer Energie wieder her. Wir albern herum und es gibt das dringende Bedürfnis zu klären, wer mit wem verheiratet oder wenigstens zusammen ist oder nicht – und warum, natürlich. Als zwei von uns in einen Streit darüber geraten, wie eine Passage des Blogs ins Englische zu übersetzen sei und der Kerl vom Mädchen zu Boden gekampelt wird, antwortet eine ältere Dame mit einem frechen und definitiv parteilichen Applaus. Die Leute machen einiges Aufsehen um unser gefärbtes Haar und die Piercings. Ob es wehgetahen hat, als wir das ganze Metall in unser Gesicht bekommen haben? Sie zeigen uns Videos einer syrischen Tänzerin auf ihren Smartphones und eines ihrer kleinen Brüder, die die Tänzerin zu imitieren versuchen. Sie zeigen auf die Kinder, die jetzt in Decken eingerollt in dem kleinen Laden schlafen und machen sich über sie lustig. Irgendwer hat warme Esskastanien mitgebracht und wir lernen, was „lecker“ auf Arabisch heißt – لذيذ.

Irgendjemand hat ein Schild aufgestellt, auf dem steht: „Gestern war Samstag, heute ist Sonntag, morgen ist Montag“, nachdem alle Schwierigkeiten hatten, sich in den Schichtplan einzutragen, da sie nicht wissen, welcher Tag gerade ist. Die Tage verschwimmen immer mehr mit jeder Nachtschicht, die wir machen.

Yesterday was Saturday 14th, today is Sunday 15th, tomorrow is Monday 16th
Yesterday was Saturday 14th, today is Sunday 15th, tomorrow is Monday 16th

Gestern (?) Abend um fünf Uhr nachmittags waren wir zu müde, um aufzustehen. Jetzt ist es fünf Uhr morgens und wir sind hellwach nach zwanzig Stunden ohne Schlaf. Letztlich macht es kaum einen Unterschied, ob wir tagsüber oder nachts wach sind; es gibt immer was zu tun, es wird sowohl immer schwieriger, eine Pause zu machen, als auch, sinnvolle Arbeit zu erledigen:

Wir stellen fest, dass unsere Energie nach mittlerweile zehn Tagen unterwegs sein nachlässt. Wir schaffen es, uns auf die selbst festgelegten Arbeiten zu konzentrieren: Sandwiches machen und an dem Blog basteln und die Fotos editieren. Wir schaffen es jedoch nicht mehr, herumzuhüpfen und überall mit anzupacken, wo es notwendig ist. Gelegentlich verbringen wir einfach Zeit mit Leuten, die durch Miratovac kommen und hier eine Pause machen. Das macht Spaß. Wir haben nicht mehr die Kraft, allen zu sagen, welches Land gerade die Grenzen geschlossen hat, welcher Ort nicht mehr sicher ist, worauf geachtet werden muss, wie schwer die Reise an welchen Stellen wird. Akku alle.

Bei Sonnenaufgang machen wir einen Spaziergang, gebannt von der schönen Natur. Nebel kriecht die Täler und Hügel um Miratovac entlang und taucht die Balkanroute in surreale Farben.

Refugees on their way to Presevo at sunrise
Sun rises above the terrible humanitarian situation along balkan route, Foto: David Kaupp