Preševo 11.11.15

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Preševo 11.11.15 / 4 p.m.

Die Médicins Sans Frontièrs arbeiten nur von 6 bis 20 Uhr. Auch wenn es arbeitsschutztechnisch fein ist, Leuten keine unbegrenzten Arbeitszeiten zuzumuten, ist es undurchdacht, in dieser Situation nur tagsüber ansprechbar zu sein. Menschen, die medizinische Hilfe brauchen, stehen ab ungefähr 24 Uhr vor einem freundlichen Schild: „Doctor coming at: 6.00 a.m.“ Selbst wir kriegen es hin, uns in Schichten zu organisieren.

For many people needing medical support waiting in the 12h queue is too exhausting
For many people needing medical support waiting in the 12h queue is too exhausting, Foto: David Kaupp

Nachts gibt es mehrere Situationen, in denen wir medizinische Notfallhilfe leisten müssen: Eine Person deutet auf ihren Kopf und verzieht das Gesicht zu schmerzvollen Grimassen. Wir reichen ihr eine Packung Paracetamol. Wenn wir Menschen mit Schnitt- oder Schürfwunden bei uns am Teezelt bedienen, fragen wir, ob wir die Wunden mit Desinfektionsspray und Pflaster „behandeln“ sollen. Wir treffen auf ein völlig unterkühltes Kind, dass kaum noch darauf reagiert, was um es herum passiert. Wir füllen behelfsmäßig leere Plasteflaschen mit heißem Wasser auf und stecken ihm diese unter den Pulli, in Jackentaschen, Hosentaschen und wickeln eine Wärmedecke um das Kind. Der Vater legt es sich auf den Bauch und es fängt langsam wieder an, sich bemerkbar zu machen. Eine schwangere Frau* bittet uns um Hilfe. Sie liegt in den Wehen. Im MSF-Zelt ist niemand. Wir geben eines unserer Telefone weiter und eine Begleitperson versucht händeringend, eine Ärzt*in zu erreichen. Wir wissen nicht, ob mit der Geburt alles gut gegangen ist.

Immernoch kommen Tausende Menschen durch Preševo. Die Warteschlangen werden immer länger. Am Straßenrand sitzen überall Menschen, die es in der Menge nicht mehr aushalten. Eine Frau* mit ihrem Kind auf dem Schoß spricht uns an, als wir vorbeilaufen. ‚Was soll das hier? Was denkt ihr euch dabei, uns hier ohne Essen, ohne Toiletten warten zu lassen? Wie stellt ihr euch das vor, dass wir das hier überstehen?‘ Wir wissen nicht, was wir sagen sollen. Die Menschenmenge staut sich immer weiter an. Die Stimmung ist gleichzeitig bedrohlich aufgeladen und apathisch. Die ganze Nacht kippt die Dynamik zwischen Eskalation und Entspannung, zwischen Rücksichtslosigkeit und gegenseitiger Hilfe. In den Morgenstunden wird die Teeküche umgerannt, das Infozelt stürzt ein.

trash cleaning
Some cleaning is happening in the morning after the press arrived, Foto: David Kaupp

Als es hell ist, kommen einige Presse- und Kamerateams. Tatsächlich lassen sich einige NGOs, wie das Serbian Red Cross, nun zum ersten Mal außerhalb des Camps sehen. Wir dachten ja bis dato, der UNHCR sei tatsächlich nur ein Modelabel. Bisher haben wir noch keine Helfer*innen vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen irgendwo gesehen, aber überall sind Decken und anderes mit seinem Logo zu finden.

UNHCR Decken
Blankets with UNHCR branding on police lattices, Foto: David Kaupp

Um 12 Uhr bekommen wir einen hektischen Anruf: Unser Transporter muss Serbien verlassen. Und zwar bis heute Abend, sonst drohe den beiden Fahrer*innen aus unserer Gruppe Untersuchungshaft. In Vranje steige ein Polizist* zu, der mit zur kroatischen Grenze fahre, um sicherzustellen, dass wir die Anweisungen befolgen. Ohne ein schlechtes Licht auf die serbische Bürokratie werfen zu wollen (wir hätten uns strategisch klüger verhalten können), hat der Kontext dieser behördlichen Aktion unser ungläubiges Ausrasten zur Folge. Die EU fordert die Registrierung Flüchtender, hier in Preševo werden viel zu wenig Leute dafür eingestellt, sodass es riesige Warteschlangen und Menschenleben gefährdende Panikausbrüche innerhalb der Menge gibt, aber der Staat hat freie Beamte über, um sie auf einen Betriebsausflug nach Kroatien zu schicken? Während wir hoffen, dass hier niemand erfriert, wird uns U-Haft angedroht, weil wir Spendengüter einführen.

Ein Mensch, der gekommen ist, um zu überwachen, dass wir nicht noch heimlich Sachspenden aus dem Auto nehmen, bevor wir losfahren, fühlt sich sichtlich unwohl in seiner Rolle. Er erzählt mit ein paar englischen Worten etwas vom blöden Serbien, dass er doch auch ein guter Mensch sei und ihm das alles sehr Leid täte. Wir ziehen einiges an angeblich unserem persönlichem Zeug aus dem Transporter. Irgendwann gibt er auf seinem Smartphone etwas in den google translater ein und zeigt es uns. Auf seinem Display steht: „Nehmt die Sachen, die ihr hier wirklich braucht, noch raus…“ Wir bedanken uns freudig und packen alle Decken, Schlafsäcke und das Kochequipment auf den Parkplatz.

Refugees need to sit down to wait behind the lattices
Refugees need to sit down to wait behind the lattices, Foto: David Kaupp

Nachdem wir  die beiden, die sich jetzt auf den Weg nach Kroatien machen müssen, verbschiedet haben, setzen uns noch kurz zusammen, um das „Wie weiter?“ zu besprechen, dann gehen einige von uns schlafen. Wir sind dankbar, in unserem VW-Bus pennen zu können. Hier haben wir einen Schutzraum, ein bisschen abseits der ganzen überfordernden Situation. Es tut gut, sich manchmal rauszuziehen, mit dem Kopf woanders zu sein, auch einfach über Sachen zu reden, die nichts mit all dem hier zu tun haben. Wir schlafen mit Oropax im Ohr und haben uns Schals über die Augen gebunden. Die immer präsente Geräuschkulisse aus den Rufen der wartenden Menschen, den schreienden Polizist*innen und den Motoren der Busse flaut an und ab.