Preševo 10.11.15

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Preševo, 10.11.15 / 8 p.m.

Die Menschen in der Reihe bekommen keine Information von den Behörden, auf was sie hier eigentlich warten oder wie lange das vermutlich dauern wird. Viele fragen die Volunteers in den Warnwesten und geben die Informationen an andere weiter.

independent volunteer outside of Presevo refugee camp
Independent volunteer outside of Presevo refugee camp, Foto: David Kaupp

Durch das Crowd Controlling Konzept mit den mehreren durch Gitter voneinander separierten Blöcken werden ständig Leute getrennt, die zusammen reisen. Manchmal können wir bei der Zusammenführung von Ehepaaren oder Eltern und Kindern helfen, wenn die Polizei es zulässt, aber andere Familienbande, Liebesbeziehungen oder Freundschaften zählen nicht als Argument. Die Leute müssen hoffen, dass sie sich im Camp oder vor den Bussen wiederfinden.

Hinter den Gittern auf dem Asphalt liegen mehrere schlafende Kinder. Eine Frau* gestikuliert auf der anderen Seite der Absperrung. Wir heben die Kinder hoch und tragen sie in den nächsten Block. Dabei hoffen wir inständig, dass niemand Fotos macht. Ein Kind hat einen Schuh verloren und wir laufen nochmal zurück. Eine andere Mutter sucht ihre Kinder, um sie nach der langwierigen Registrierung wieder abzuholen. Wir finden sie weinend in einem der Gitterzelte, anscheinend waren sie dort zwei Stunden lang alleine.

In den Zelten ist es heiß und stickig. Menschen stehen dicht aneinander gedrängt. Wir wollen keinen Mundschutz aufsetzen, weil die symbolische Wirkung dessen stigmatisierend und voll daneben ist. Gleichzeitig ist es wichtig, die Kinder, die wir tragen, vor Ansteckungen zu schützen. Wir binden uns Tücher vor den Mund.

Soldier wearing a mask
Soldier wearing a mask, Foto: David Kaupp

Die hygienische Situation wird immer schlimmer. Am Mittag wurden die meisten Dixies geschlossen und mit jeder Menge Gaffa zugeklebt. Es bleiben zwei Toiletten für abertausende Menschen.

Kid waiting apart from the line
Kid waiting apart from the line, Foto: David Kaupp

Während wir im Volunteerhaus für alle Freiwilligen kochen, meint ein Volunteer*, dass das Lager hier geschlossen werden sollte. Es sei mega hart für die Anwohner*innen und nicht sicher für die Refugees. Er* findet, dass das Essen etwas kosten müsste, damit es mehr wertgeschätzt und weniger davon weggeworfen wird. Wir erfahren, dass im Camp nach der Registrierung Suppe ausgegeben wird, aber diese sei teuer und die Kochgruppe könne die Versorgung kaum aufrecht erhalten.

Auch die Versorgungshilfe der Volunteers kommt an ihre Grenzen. Finanzen sind nicht unerschöpflich und auch die Kräfte sind begrenzt. Eine Freiwillige erzählt, wie einer Person, nachdem sie ihre Papiere bekommen hat, die Tasche geklaut wurde. Der Polizist, der bei der Registrierung dabei war, hat alles geleugnet und sich geweigert, direkt ein neues Papier auszustellen, und sie musste wieder ganz von vorne anstehen. Die Freiwillige meint, sie sei völlig fertig. „Man kann sich eh nur um einzelne Geschichten kümmern, und selbst da kannst du nichts machen. Ich mag da grade nicht wieder rausgehen.“ Uns ist erstmal ausschließlich Einzelfallhilfe möglich, es gibt kaum Gelegenheiten, strukturelle Kritik zu sammeln und Lösungsansätze umzusetzen, da es dazu an Zeit, Energie und Erfahrung mangelt.

Alle haben Angst, dass jemand in der Menge zu Tode kommt. Mehrere Volunteers bringen den Vorschlag, zwei verschiedene Wartereihen einzurichten: Eine für Familien, eine für allein reisende junge Männer. Dieser Vorschlag ist noch nicht völlig durchdacht, aber er würde das Gefahrenpotential für Kinder, überrannt und lebensgefährlich verletzt zu werden, senken. Ein*e Volunteer*in versucht, den Polizeichef in Belgrad via E-Mail zu erreichen, da all ihre Versuche, mit immer neuen Polizist*innen zu reden, um diesen Vorschlag umzusetzen, am Schichtarbeitsplan der Diensthabenden scheitern.

Manchmal wird uns erlaubt, Leute mit Kindern an der Menge vorbei nach vorne zu holen, wenn die Polizei milde gestimmt ist. Keine*r der Wartenden beschwert sich darüber.

Molitary Police
Military Police

Eine Militäreinheit ist angekommen. Überrascht erleben wir die Militärs als verhältnismäßig entspannt und freundlich. Sie stellen die Polizeigitter quer über der Straße so um, dass sie in Dreiecken zulaufen. Die Soldat*innen beginnen nun ebenfalls in kompletter Panzerung bei der Kontrolle der Menge mitzuarbeiten. Obwohl nun deutlich mehr Einsatzkräfte vor Ort sind, reichen Personenkapazität und Konzepte immer noch nicht aus, die Menge gewaltfrei zu lenken.

Es werden nun regelmäßig Elektroschocker eingesetzt um die Menschen zurückzuhalten. Das Geräusch der Tazer wechselt sich mit den Schreien der Polizei und Militärs ab.

Military Police
Military Police, Foto: David Kaupp

Uns wird von rassistischen Äußerungen von seiten einzelner Beamt*innen und Übersetzer*innen berichtet. Ein paar Mal kommt es zu Handgreiflichkeiten in der Menge. Stellenweise beobachten wir auch Rassismus unter den Geflüchteten. Einige wollen nicht in den selben Bus steigen wie andere Migrant*innen. Einmal äußert sich ein Mensch positiv zu Hitler, als er* mitbekommt, dass wir aus Deutschland kommen. Außer einer reflexartigen Distanzierung lassen wir uns nicht auf ein Gespräch ein. Einige palästinensische Geflüchtete pöbeln gegen den israelischen Staat und erzählen darüber, wie scheiße sie Netanjahu finden. Ihre Aussagen sind teilweise antisemitisch, teilweise empirisch. Wir hüten uns davor, unsere Expertise in ihrer Lebensrealität zu überschätzen.

Vieles, was wir hier von Leuten mitbekommen, passt uns politisch nicht. Wie überall sonst haben wir auch hier viel zu meckern. Wir sind hier, um die Sprechposition der Refugees zu unterstützen. Wir haben die Utopie einer Welt, in der Menschen aus politisch coolen Gründen gehasst werden. Wenn Leute Arschlöcher sind, möchten wir sie DESHALB ablehnen können. Wir wollen, dass sie nicht DESHALB unfair behandelt werden, weil sie in bestimmten Regionen geboren wurden und fliehen oder auswandern.

Wir verbringen viel Zeit damit, uns mit anderen Gruppen und Hilfskonvois zu vernetzen, ihnen Infos über die Situation und Unterstützungsmöglichkeiten in Preševo zu geben und uns über aktuelle politische Entwicklungen informieren zu lassen. Wir erfahren, dass Schweden für zehn Tage die Grenze dicht macht und keine Geflüchtenden mehr durchlässt. Deutschlands neues sinnloses Hobby scheint es zu sein, auch Leute, die weiter in andere Länder reisen wollen, zu zwingen, in Deutschland Asyl zu beantragen. Slowenien hat einen Grenzzaun aus Stacheldraht nach Kroatien gebaut. Wir hören, es seien in Kooperation mit Regierungen von Ländern an der afrikanischen Mittelmeerküste Mittel in Millionenhöhe gegen Migration beschlossen worden, schick verpackt als Unterstützungspakete für hilfsbedürftige Volkswirtschaften.

Die offiziellen Wartezeiten, die zum Teil auch in den Medien kursieren, betragen wohl drei Stunden. So wie wir die Campsituation beobachten, ist das völlig falsch. Die Kommune bezahlt zu wenig Leute für die Registrierung. Diese dauert zu lange. Die EU, die diese Registrierung fordert, müsste zusätzliche Busse stellen. Mit etwas Geld könnte die Gesamtsituation massiv entschärft werden.

People waiting in line
People waiting in line, Foto: David Kaupp

Alis Story:

Ali (name changed) was living in Afghanistan when things got bad and he had to flee the country some years ago. He was able to get to Austria and startet school there getting an ‚Hauptschulabschluss‘. But after some time he was forced to leave Austria and was taken back to Afghanistan. There his family tried to made him live as a strictly religious person which he refused so he had to leave his house again. On the way out of town he was kidnapped by Taliban forces and held in a cell for three month where he was beaten and treated very badly. After he was able to get away from the Taliban he is now once again on the way to Europe seeking asylum as he has no place where he could be save in Afghanistan.

The past years have left their marks and now Ali has psychological issues making him unable to stay in a large loud crowd without panicking. Now on his way through the several camps on the Balkanroute he is forced to stay in such crowds over and over again. In Macedonia he tried to talk to a doctor at a camp and they gave him pills but nothing more. In Preševo he is now standing next to the huge dense crowd unsure what to do as he says. On the one hand he can’t stay here in Preševo for days and days over, on the other he can’t bear the crowd and it’s right now about 12 hours to the end of the line where the registration is happening. He asks a volunteer to go to the MSF tent to ask them if there is any way they could help him to register without having to stay that long in the crowd, but they can only promise some pills and tell the volunteer that the officials don’t even allow nine month pregnant women to bypass the twelve hour queue.

We listen to his story, which is pretty much all we can do.

Passports
A man holding his and his family’s passports waiting in line, Foto: David Kaupp

Während auf der Straße tausende Menschen vorbeiziehen und sich immer wieder Krankenwagen durch die Menge mühen, sehen wir einen Menschen in seinem*ihren Wohnzimmer Fernsehen.

Von sieben bis neun Uhr früh stehen wir noch völlig kaputt am Teezelt und kochen und verteilen heißen Tee mit tonnenweise Zucker. Jede zweite Person fragt uns, ob sie noch nachsüßen kann. Es tut gut, sich die Arbeiten untereinander so aufteilen zu können, wie bei allen gerade die Kräfte gelagert sind. Manchmal kostet es weniger Energie, den Kopf auszuschalten und ohne zwischenmenschliche Interaktion stumpfe und notwendige Arbeitsschritte auszuführen, manchmal ist es leichter, körperlich weniger Anstrengendes zu machen und beispielsweise herumzulaufen, mit den Wartenden zu quatschen und Infos zu verbreiten. Wir versuchen, allen Leuten, denen wir Tee geben, einen herzlichen guten Morgen zu wünschen, und warten ungeduldig darauf, dass die Tagschicht kommt und übernimmt. Wir hören Musik, die uns wach halten soll. Wir entscheiden uns, keinen deutschsprachigen HipHop/LiedermacherPolitPunk anzumachen. Deutsche sind hier auch so schon präsent genug. Als ein serbischer Volunteer sagt ‚You know, lots of people from Germany, Austria and Switzerland are here. They are very very helpful!‘, meinen wir ‚Yeah, they’re the ones that should feel the most guilty about the situation of the refugees.‘

Wir merken nicht, wie körperlich belastend unsere Aktivitäten sind, es geht uns gut. Als wir kurz vor dem ins Bett gehen noch Fotos machen wollen, funktioniert das nicht, weil wir zittrige Hände haben.