Unterwegs 18.11.15

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Preševo 17.11.15 / 1 p.m.

Wir fahren in Preševo vorbei. Alles sieht anders aus. Keine Warteschlangen sind zu sehen. An der Oberfläche wirkt alles geordneter, aber wir wissen nicht, wo die Leute sind, wie es ihnen geht und wie lange dieser Zustand anhält.

Unterwegs eine weitere Nachricht: Alle Volunteers bis auf 15 wurden in Preševo aus dem Camp geschmissen. Wir haben Theorien zu den Hintergründen dieser Aktion, aber keine sicheren Informationen.

Šid 17.11.15 / 8 p.m.

Sid
Long line of busses at the gas station, Foto: David Kaupp

Hier sieht es nicht viel anders aus als „damals“. Es stehen viel mehr Busse am Rand, um die 15 Stück. Es sind keine Freiwilligen mehr vor Ort.

Serbisch-kroatische Grenze 17.11.15 /  9 p.m.

Unser Auro wird angehalten. Eine Person liegt hinten auf der Rückbank und schläft mit dem Schal über den Augen. Den Grenzbeamten reicht ein kurzer Blick auf das entmummte Gesicht, vermutlich, um sicherstellen, dass es eine Person mit „weißer“ Hautfarbe ist. Hart.

Wie schön es doch wäre auch nur eine Kontrolle ohne racial profiling zu erleben…

Rigonce. Kroatisch-Slovenische Grenze 18.11.15 / 3 p.m.

Auch an der Grenze zwischen Kroatien und Slovenien werden wir standardmäßig kontrolliert. Was haben wir gemacht, wo waren wir, wie lange, ist das unser Auto und wohin wollen wir weiter? Wir kommen von einem Camping Trip und wollen zurück nach Deutschland. Ja direkt, ohne Umwege. Wir sollen Tür und Kofferraum öffnen. Letzterer spinnt manchmal, die Seitentür ist endgültig kaputt gegangen und lässt sich gar nicht mehr öffnen. Ähem. Der Grenzbeamte* notiert sich das KFZ-Kennzeichen und alle unsere Passnummern.

New border fence by Rigonce
New border fence by Rigonce, , Foto: David Kaupp

Kurz nach der Grenze spazieren wir auf ein Feld und fotografieren im letzten Tageslicht den neuen NATO-Drahtzaun, der Anfang November dort errichtet wurde. Er schließt das Grundstück, auf dem wir stehen, und die gesamte restliche Ortschaft von einem kleinen Fluss ab. Wir haben den Impuls, auszuprobieren, ob wir hindurch klettern können – aber das wäre vermutlich eine dumme Idee.

Dobova 18.11.15 / 4 p.m.

Im Grenzlager in Dobova geben wir uns als politisch interessierte Touris aus. Wir laufen aufs Gelände und machen einige Fotos, bevor wir wieder rausgeschickt werden. Eine Mitarbeiter*in des Slovenischen Roten Kreuzes beantwortet uns einige Fragen. „Whose idea was the fence?“ Sie erzählt, Slovenien wolle die Geflüchteten alle über Dobova leiten, weil sie mehr als ein Lager kapazitär nicht stemmen könnten. Sie fragt, wie lange wir noch in Slovenien bleiben und ob wir nicht als akkreditierte Freiwillige helfen wollen.

Sie erzählt von den Problemen, die sie damit haben, Familie zusammenzuhalten, weil es zwei Stationen gibt, an denen die Leute registriert werden. Erstmal am Bahnhof, und wenn dort die Kapazitäten nicht ausreichen, werden sie mit Bussen hier ins Camp gefahren. Einige bleiben nur ein paar Stunden, andere übernachten hier, je nachdem, wieviele Leute Österreich gerade über die Grenze lässt. Das Lager ist krass von Polizei und Militär abgeriegelt. Auf die Frage nach dem warum antwortet die Mitarbeiter*in, die Regierunge tue dies „for Security“. Dabei rollt sie mit den Augen. Sie sagt, Slovenien sei Transitland und wolle Transitland bleiben. Das heißt, die Soldat*innen stehen hier, um sicherzustellen, dass keine Person aus dem Camp herauskommt und in Slovenien Asyl sucht.

Wir schauen uns die Situation am Bahnhof an. Dort laufen viele Leute durch einen eingegitterten Weg vom Gleis zu einer Straße, auf der drei Busse für die Fahrt bis zum Camp bereitstehen.

dobova train station
Police forces at the Dobova train station, Foto: David Kaupp

Wir geben zwei Leuten einen Packen Infokärtchen und bitten sie, diese im Bus weiterzuverteilen. Fünf Polizist*innen sind vor Ort, tragen Mundschutz und fuchteln mit ihren Schlagstöcken, während sie u.a. Familien mit kleinen Kindern den Weg in den Bus weisen.

Keine*r redet mit ihnen über die weiteren Abläufe. Diese Mischung aus bewusster Einschüchterung, Intransparenz und Bevormundung ist absolut eklig. Als wir anfangen, zu fotografieren, warnen sich die Polizist*innen gegenseitig und stecken die Schlagstöcke ein.

Slovenische Autobahn, 18.11.15 / 9 p.m.

Ein Polizeiauto auf Streife fährt vor uns auf, an der Anzeigetafel steht „Please follow! Bitte folgen!“ Wir halten auf dem nächsten Parkplatz an. Dort wollen sie alle Ausweise, Fahrzeugpapiere und den Anhängerschein sehen. „Do you carry any weapons or drugs?“ – „No, do you?“ Nachdem wir aus der „totally random control“ entlassen werden, können wir wieder auf die Autobahn. Dass wir bis hierhin vergessen haben, eine Vignette zu kaufen, wird uns verziehen.

Slovenisch-Österreichische Grenze 18.11.15 / 10 p.m.

Vor uns wird ein PKW mit polnischem Kennzeichen rausgezogen. Wir dürfen passieren und beschweren uns. Auch wir haben ein Recht auf verdachtsunabhängige Diskriminierung!

Tschechisch-Deutsche Grenze 19.11.15 / 9 a.m.

Wir werden durchgewunken und fahren vorbei. Dann sieht ein deutscher Beamter das „NO BORDERS!“ auf unserer Heckklappe und lässt uns doch anhalten. „Alle Ausweise bitte!“ Er bemüht sich sichtlich um Unfreundlichkeit. Er nimmt nur zwei von drei Ausweisen mit, wir scherzen über das Bildungsniveau der Bundespolizei, und dürfen weiterfahren.

Potsdam 19.11.15 / 20 p.m.

Wir sind angekommen und fahren den VW-Bus in die Autowaschanlage. Er ist immer noch schlammig. Das ist ok.