Idomeni 30.12.2015

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Refugee child in front of the border crossing
Refugee child in front of the border crossing, Foto: David Kaupp

 

Prolog

Am 28.12.15 sind wir zu zweit nach Griechenland losgefahren. Hier findet ihr in den nächsten Tagen nach und nach Veröffentlichungen unseres Reiseberichts. Wir sind diesmal nicht primär unterwegs, um direkte Unterstützung vor Ort zu leisten, sondern um uns die Situation in Griechenland für Menschen auf der Flucht / Migrant*innen anzuschauen und darüber zu berichten. Wir wollen dokumentieren, wie sich hier praktische Solidarität organisiert, nach welchen Ansätzen die Projekte und Gruppen arbeiten und inwiefern sie sich im Widerspruch zu den herrschenden Verhältnissen befinden. Wir hoffen, ein genaueres Bild davon zu bekommen, auf welche  Weise gerade auf Alternativen zur momentanen gesamtgesellschaftlichen Situation hingearbeitet wird. Die aktuelle Politik beruht auf Ausgrenzung und Tod und wird auch immer wieder darauf hinaus laufen. Wir müssen sie ändern.

Auch diesmal unterstützen uns Menschen aus unserer Gruppe als Back-Office, das mit uns in Kontakt steht, Infos an uns weiterleitet und Texte übersetzt. Vielen Dank!

Im Nachtzug von Belgrad nach Thessaloniki unterhalten wir uns mit einer Person über die Situation für Menschen auf der Flucht in Serbien. Sie kritisiert das Verhalten der serbischen Behörden: „A lot of people here are trying to help. Still we are a poor country right now, and we don’t have enough ressources for everybody. But when there is people who want to support us by bringing supplies into Serbia, they are stopped. The government is making it really hard for international volunteers to help the refugees. I don’t understand why, it’s stupid.“

 

Idomeni 30.12.15

Früh am 30.12.15 kommen wir in Gevgelia an der Mazedonisch-Griechischen Grenze an. Es fährt kein Zug nach Idomeni, auch der Schienenersatzverkehr hält dort nicht. Wir überreden den Busfahrer mit Hilfe einiger anderer Passagier*innen dazu, uns mit über die Grenze zu nehmen und an der Autobahnausfahrt nach Idomeni rauszulassen. Von dort aus laufen wir die 5 km bis ins Dorf.

highway exit Idomeni
highway exit Idomeni, Foto: David Kaupp

 

Als wir im Camp ankommen, wirkt alles sehr leer. Wir beobachten Leute, die auf der anderen Straßenseite einen Pavillon abbauen. An den Containern und  überall an den Wänden sind Graffiti.

Die Tags sind in verschiedenen Schriftsprachen verfasst, in schwarzer und roter Sprayfarbe. Wir haben die Berichte der letzten Wochen aus Idomeni im Kopf, wie Menschen hier gegen ihren Willen festgehalten, aufgehalten und zurücktransportiert werden, und auch wie einige dagegen aufbegehren. Über die Proteste der Geflüchteten, den Hungerstreik von Leuten, die sich die Lippen zunähen, über die Versuche der Eingekesselten, durch den Grenzzaun zu brechen. An der Wand eines verfallenen Gebäudes hat jemand Zeichnungen und Schriftzüge eingekratzt. Die Assoziation Knast ist allgegenwärtig. Viele der Graffiti verstehen wir nicht oder können sie nicht einordnen. Wir fotografieren sie, damit wir sie später Freund*innen zeigen und uns übersetzen lassen können. Wenn wir Bilder ins Internet stellen, auf denen Graffitis in anderen Sprachen als Deutsch oder Englisch sind, können wir nicht einschätzen, wir wir politisch zu ihnen stehen.

Wir schauen uns in den leeren Leichtbauhallen um, noch halb mit Decken ausgelegt, sie wirken wie schon seit einiger Zeit verlassen.

The closed refugee camp
The empty refugee , Foto: David Kaupp

Vorbei an ein paar Mannschaftsbussen der griechischen Polizei und gestressten vermummten Menschen (Frontex?), treffen wir auf ein paar Polizist*innen, die sich überraschend freundlich und kooperativ verhalten. Den Tag über können wir unsere Rucksäcke bei ihnen abstellen. Sie geben uns Auskunft darüber, dass grade keine Leute, die sich auf der Flucht befinden, im Camp seien, und dass später am Tag 20 Busse erwartet würden. Es kämen mehrere Tausend Personen jeden Tag durch Idomeni.

Greek police forces at the camp, Foto: David Kaupp
Refugees outside the closed camp that arrived in Idomeni by bus
Refugees outside the closed camp that arrived in Idomeni by bus, Foto: David Kaupp

Am Bahnhof erfahren wir, dass zur Zeit gar keine Züge durch Idomeni fahren. Anfang Dezember sind hier zwei Menschen bei dem Versuch gestorben, auf Züge zu klettern, um über die ihnen versperrte Grenze zu kommen. Statt daraufhin die Grenze wieder für alle zu öffnen, damit Leute keine immer riskanter werdenden Wege suchen und ihr Leben aufs Spiel setzen müssen, um ihre Reise fortsetzen zu können, wurde der Personennahverkehr eingestellt.

Train tracks to Macedonia
Train tracks to Macedonia, Foto: David Kaupp

 

Einige Einwohner*innen erzählen uns, dass gerade auch kein Bus mehr aus Idomeni wegfährt. Mal sehen, wie wir von hier wieder weiterkommen.

Zurück im Camp sprechen wir mit einigen Freiwilligen. Uns wird berichtet, dass die mazedonische Grenze heute schon den ganzen Tag geschlossen ist, weil das Grenzpersonal streikt.

Außerdem erfahren wir, dass die griechischen Behörden das Camp selbst seit ca. zwei Wochen für Refugees geschlossen haben. Die Behörden wollen Unruhen vermeiden und das Bild einer gut organisierten und entspannten Situation in Idomeni wahren. Deshalb werden die Menschen in den Bussen aus Athen bis an eine Tankstelle einige Kilometer vor Idomeni gefahren, und müssen dort in der Kälte ausharren. Einige, die keine irakischen, syrischen oder afghanischen Papiere haben, werden bereits hier an der Weiterreise gehindert und gezwungen, zurück nach Athen zu fahren. Sie müssen das Busticket anscheinend selbst bezahlen. Die anderen werden irgendwann in Gruppen zu je 50 Personen an den Grenzübergang gebracht.

Die Untersterstützungsarbeit in Idomeni geht trotz der Veränderungen weiter. Die Vereinigung griechischer Köch*innen hat zwei Personen abgestellt, jeden Tag für ein bis zweitausend Menschen zu kochen. Volunteers packen die Essenspackete. Das Essen wird von gesammelten Geldern finanziert. Viele Meschen spenden Lebensmittel. Eine Helfer*in aus Deutschland meint, Solidarität sei in Griechenland gängigere Praxis und würde nun auf Menschen auf der Flucht ausgeweitet.

Volunteers from a collective based in Thessaloniki have set up a storage in a container
Volunteers from a collective based in Thessaloniki have set up a storage in a container

Wir werden durch das Camp geführt, laufen von Zelt zu Zelt. Niemand hält uns auf. Alles ist leer. Ein Bus ist gerade angekommen an der Grenze. Leute spielen auf der Wiese Fußball. Sobald es dämmert, wird es eiskalt. Leute wärmen sich an Lagerfeuern, die sie auf dem Kiesboden entfacht haben.

Im Camp sehen wir viele leere Leichtbauhallen. In einigen von ihnen stehen noch Zelte. Die Menschen müssen draußen warten. Seit zwei Wochen gibt es die Regel, das die Refugees nicht in das Camp hinein dürfen. Über die Gründe dafür gibt es nur Gerüchte.

Idomeni_30.12.
The empty refugee camp, Foto: David Kaupp

Eine Freiwillige, die seit August in Idomeni aktiv ist, erzählt uns, dass das Camp seit einigen Tagen umgebaut wird. Es gibt neue, frisch in Beton gegossene Hinweisschilder, im Camp steht ein Bagger, die Zelte werden winter“fest“ gemacht.  Die Freilligen vermuten, Idomeni soll in Zukunft als Daueruntekunft dienen. All das unterstützt die These, dass in den nächsten Wochen die Grenze komplett geschlossen werden könnte, für alle. Wir wissen nicht, wie lange überhaupt noch Menschen hinüber gelassen werden.

All tents in the camp were empty because the refugees were not allowed to enter them for some reason
All tents in the camp were empty because the refugees were not allowed to enter them for some reason, Foto: David Kaupp

Wir hören von Menschen aus dem Libanon, die versucht haben, nach Mazedonien zu kommen und dort von Polizist*innen zusammengeschlagen wurden. Grenzzäune und die Illegalisierung von Flüchtenden sorgen nicht dafür, dass keine Menschen mehr fliehen, sondern dafür, dass mehr Menschen dabei sterben.

The about 2m high barbed wire fence on the Greek / Macedonian border
The about 2m high barbed wire fence on the Greek / Macedonian border, Foto: David Kaupp

 

Wir finden Freiwillige, die uns in ihrem Auto mit nach Thessaloniki nehmen. Auf dem Weg kommen wir an der Tankstelle vorbei. Dort stehen ungefähr 50 Busse, die meisten mit laufendem Motor, damit die Menschen drinnen sich wärmen können. Es ist kalt draußen. In den nächsten Tagen werden die Temperaturen deutlich unter Null Grad fallen. Entlang des Grasstreifens neben der Autobahnzufahrt flackert alle 20 Meter ein kleines Lagerfeuer. Uns wird gesagt, das Holz komme vom MSF (Ärzte ohne Grenzen). Wir hören viel Positives über die Unterstützung durch die Medicins Sans Frontiers. Gleichzeitig ist die große Präsenz dieser NGO stellenweise problematisch: Der MSF ist sonst meistens in Kriegsgebieten im Einsatz. So entsteht der fälschliche Eindruck, wir befänden uns in einem politisch-diplomatischen oder kapazitätsbedingten Ausnahmezustand, in denen die medizinische Versorgung nicht mehr (allein) staatliches Aufgabengebiet ist. Dabei haben staatliche Strukturen der europäischen Länder die Möglichkeiten und die Verantwortung, alle Menschen medizinisch zu versorgen. Durch die notdürftige medizinische Grundversorgung, die der MSF bereitstellt, fehlt ein wirksames politisches Druckmittel, um die Regierungen zum handeln zu zwingen und die humanitäre Situation entlang der ‚Balkanroute‘ zu verbessern, ohne das das Leid der Menschen auf der Flucht weitgehend gemildert wird. Wir befinden uns nicht in einem Kriegsgebiet. Wir sind in einer humanitären Krisensituation, die von den verantwortlichen Staaten, Behörden und Politiker*innen bewusst hergestellt wird, vermeidbar wäre und demnach sofort zu beheben ist.

In der Nähe des Busparkplatzes stellen wir uns zu einem Kreis aus sich wärmenden Leuten und fragen, wie lange sie hier schon warten. Eine Person schätzt die durchschnittliche Wartedauer auf 6 Stunden. Zwei Menschen holen eine Wasserpfeife aus ihrem kleinen Rucksack, entzünden sie mit der etwas Holzkohle aus dem Feuer und reichen sie herum.

In einem Anbau aus Plastikplanen an der Raststätte ist eine Handyladestation aufgebaut. Dort sprechen wir mit Hussein* (Name geändert). Er erzählt, dass er seit 7 Uhr früh hier wartet. Jetzt ist es 19 Uhr. „We heard the  border in Macedona is closed. I think it is because of money. The people who drive the busses also want to make money in Macedonia, but there is the trains going. So there is conflict, and we have to wait. It’s all about money.“ Das die Bedürfnisse flüchtender Menschen den Profitinteressen privater Unternehmen und staatlicher Strukturen untergeordnet sind, ist ein allgegenwärtiges Phänomen. Auch in Deutschland betreiben z.B. private Investor*innen Geflüchtetenunterkünfte, in denen viele Menschen ohne Privatssphäre in engen Räumen untergebracht sind. Profitinteressen einzelner werden einer bedürfnisgerechten, politisch vertretbaren und  ressourceneffizienten Lösung der humanitären Krise immer im Weg stehen. Die Unterstützung von Menschen auf der Flucht muss unkommerziell organisiert werden.

Hussein erzählt weiter von den Auswirkungen der geschlossenen Grenze in Mazedonien auf die Menschen an der Tankstelle: „And  they say: ‚hey now now we go, and everybody is running to the Busses – and then it is again ’no, sorry, not yet‘ And you know, it is so cold outside, and the driver of our bus, he said ‚my bus is not a hotel! everybody out, or if you stay in, i will lock the bus!‘ so everybody had to get out and stay in the cold. We tried to argue with him, but he didn’t listen. If you see him, tell him it’s not ok!“ Wir suchen den Busfahrer, um ihn anzupöbeln, aber Hussein meint „The bus driver? He locked the bus – and then he disappeared. We haven’t seen them the whole day.“

 

Thessaloniki

Wir verabschieden uns und wünschen viel Glück. Dann fahren wir weiter nach Thessaloniki. Dort zeigen uns einige der Volunteers aus Idomeni die Räumlichkeiten der Organisation „Oikopolis“, in der viele der Freiwilligen aktiv sind. Beim Abendessen entspinnen sich viele Diskussionen: Wie können wir den Menschen auf der Flucht helfen, ohne dabei die Staaten zu unterstützen, die für ihre lebensbedrohliche Lage verantwortlich sind?

Wir bekommen viel Tipps und Adressen anderer Projekte in Thessaloniki und Athen, die versuchen, sich mit Menschen auf der Flucht politisch und praktisch zu solidarisieren. Diese werden wir in den nächsten Tagen besuchen.

 

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