Ein Kommentar zu rassistischen Perspektiven auf sexualisierte Gewalt

Jetzt ist es also soweit: Seit 2016 gibt es sexualisierte Gewalt in Deutschland. Ich bekomme fast  Angst, wieder nach Hause zu fahren, aber dann fällt mir ein: Sexuelle Übergriffe gibt es nur in Köln. Solange ich diese Stadt und ihre Leute meide, passiert mir nichts.

Ich sitze im Zug, lese Zeitungsartikel und bekomme einen Wutanfall. Sowohl die Berichterstattung über die Frauen*, die in der Silvesternacht sexuelle Belästigung erfahren und teilweise angezeigt haben, als auch der nachfolgende Diskurs finden zu großen Teilen auf eine Weise statt, die Schaden anrichtet.

Wo wollen wir hin? Wir wollen eine Welt ohne Gewalt, in der Menschen sich frei entfalten können, in der sie keine Angst vor sexistischen oder rassistischen Übergriffen haben müssen. Um Unterdrückungsverhältnisse bekämpfen zu können, müssen wir sie als solche erkennen und benennen. Sie müssen sprechbar sein, gehört und ernst genommen werden.

Was gerade passiert, ist dem nicht zuträglich. Die geheuchelte Sorge um „die Opfer“ wird benutzt, um rassistische/migratistische Positionen und damit andere Unterdrückungsverhältnisse zu stärken. Dabei wird die Perspektive der Betroffenen dezentralisiert.

Das ist einer der Faktoren, der sexualisierte Gewalt zu Gewalt macht: Die Wahrnehmung und Bedürfnisse der Betroffenen werden ignoriert, was sie wollen oder nicht wollen zählt nicht. Eine Reaktion auf Übergriffe darf nicht deren Muster wiederholen.

Viele Politiker*innen und Neofaschist*innen instrumentalisieren die Betroffenen der sexuellen Übergriffe für ihre rassistische Hetze. Ständig werden die Nationalität, Hautfarbe, der Aufenthaltsstatus als die angeblich ausschlaggebende Merkmale der Täter*innen propagiert. Ohne logischen Zusammenhang zur gesamtheitlichen Eindämmung sexualisierter Gewalt werden Rufe nach mehr Abschiebungen laut.

Epidemieartig melden sich weiße Männer* zu Wort, und thematisieren Nationalität oder Religion der mutmaßlichen Täter* mit einem gebetsmühlenartigen „das wird man ja wohl nochmal sagen dürfen!“ Mit dem gleichen Satz werden vielerorts z.B. verletzende Anmachsprüche legitimiert. Und in ideologischer Linie mit diesem Satz werden Sammelunterkünfte, in denen Menschen zu wohnen gezwungen sind, die Schutz und neue Lebensperspektiven suchen, angezündet und männlich gelesene People of Colour oder Personen, die (scheinbar) muslimische Symbolik tragen, zusammengeschlagen. Nach dem abgrundtief absurden Motto „Feminismus ist uns wichtig – deshalb gehen Männergruppen raus und verprügeln ‚Ausländer‘ whatever that is“ Die Konsequenzen dieser faschistischen Euphoriewelle sind für Menschen, die von Rassismus/Migratismus betroffen sind, grausam und lebensbedrohlich.

Gleichzeitig hat die rassistische/migratistische  Vereinnahmung des Diskurses um sexuelle Selbstbestimmung auch für die (potentiellen) Betroffenen von sexualisierter Gewalt verheerende Folgen:

1. Erlebt und berichtet eine Person einen der zahlreichen Übergriffe durch eine*n weißen Menschen mit deutschem Pass, wird sie darin nicht ernstgenommen. Seit jeher wird es Betroffenen schwer gemacht, einen Übergriff als solchen geltend zu machen und Unterstützung zu bekommen: Ihnen wird nicht geglaubt, ihnen wird die Zurechnungsfähigkeit oder gar „der Humor“ oder die Fähigkeit ein „Kompliment“ als solches zu erkennen, abgesprochen. Ihnen wird die Mit- oder Hauptschuld an der Vergewaltigung gegeben, sie werden mit Scham und Schuldgefühlen alleine gelassen. Vergewaltigungsmythen und Täter*schutz, Frauenbilder, die weibliche Körper als verfügbare Objekte und weibliche Handlungmuster als unsouverän, infantil oder intrigant und bösartig darstellen, sowie Heteronormativität, Transphobie und Antifeminismus prägen den Diskurs. „Gewaltverherrlichende Männlichkeitsnormen“ sind „deutscher“ Alltag. Dass diese Tatsache von weiten Teilen der Gesellschaft ignoriert wird, raubt Betroffenen die Basis, um ihre verletzenden Erfahrungen geltend zu machen, wenn sie nicht in die Agenda von Rechtspopulist*innen passen.

2. Erlebt eine Person einen Übergriff durch eine Person of Colour oder eine Person mit Rassismus-, Migrations- oder Fluchterfahrung, wird ihr zusätzlich zu all dem Schmerz der Grenzüberschreitung noch ein vermeidbares ethisches Dilemma aufgebürdet. All die rassistische Reaktionen machen es nicht leichter, den Vorfall öffentlich zu bearbeiten. Wenn ich etwas als Gewalt erlebt habe, möchte ich, dass danach auf meine Bedürfnisse Rücksicht genommen wird. Ich möchte nicht noch die zusätzliche Verantwortung für das leibliche und seelische Wohl des Täters*/der Täter* und unbeteiligter Dritter tragen. Wenn ich weiß, dass eine Person in Tod, Folter oder ökonomische Perspektivlosigkeit abgeschoben wird, zeige ich sie nicht an; wenn ich weiß, dass die nachfolgende Debatte Millionen von Menschen stigmatisiert und ihr Leid an den (binnen)europäischen Grenzen zu legitimieren versucht, bringe ich den Fall nicht an die Öffentlichkeit. In die Öffentlichkeit, die den deutschlandweiten Diskurs zur Zeit prägt, habe ich kein Vertrauen. Das Migrant*innen-/Refugee-feindliche Ausschlachten sexueller Übergriffe macht viele Betroffene und ihre Unterstützer*innen stumm. Jedes rechts-gesinnte, pseudo-märtyrerische „Endlich sagts mal eine*r!“  ist eine zynische Lüge und Ohrfeige für emanzipatorische Versuche, mit sexueller Gewalt umzugehen.

3. Personen, die von Sexismus UND Rassismus betroffen sind, fallen aus dem Fokus. Wie viel Gewalt wurde Women* of Colour von weißen Männern* und Frauen* angetan? Die Vergewaltigungen im Kontext von Kolonialisierung und Versklavung sind unzählbar. Immernoch sind Darstellung und Rezeptionen vermeintlich „exotischer““Schönheit“, die hartnäckige Vorstellung, Schwarze und Braune Frauen seien Teil einer „Natur“, die es sich anzueignen und über die es frei zu verfügen gilt, und das Ausnutzen patriarchaler und ökonomischer Gefälle für das Phänomen Sextourismus Alltag. Viele Überlebende sexualisierter Gewalt sind Personen of Colour, Personen mit Migrations- und Fluchterfahrung.

Erfahrungen müssen sprechbar bleiben und werden. Wir müssen mehr als das Schweigen brechen – auch die Taubheit. Weiße, „deutsche“ Täter*innenschaft wird einmal mehr unsichtbar gemacht, die faschistische Instrumentalisierung von  rassistisch verwertbarer Täter*innenschaft bringt eine Tabuisierung in Kreisen mit antifaschistischer Gesinnung mit sich. Jeder neue blinde Fleck im Diskurs um sexualisierte Gewalt bringt uns weiter weg von einer befreiten Gesellschaft.

Wir brauchen autonome Strukturen, die sich um die Bedürfnisse der Betroffenen kümmern. Wir brauchen Möglichkeiten, über sexistisches Verhalten und sexistische Denkmuster von und (gegen)über Menschen nicht-deutscher Herkunft zu reden, die rassistische Unterdrückung nicht stabilisieren. Wir brauchen antisexistische Bildungsarbeit für alle Personen, egal, seit wann sie wo leben. Lasst uns gemeinsam und einander bilden, auf sexistisches, rassistisches, antisemitisches, nationalistisches anderes diskriminierendes Verhalten und Grundannahmen aufmerksam machen, ein neues achtsameres Miteinander erlernen. Der Weg ist noch weit:

Während sich Populist*innen hier ganz besorgt um „die armen schützenswerten Frauen“ geben, befürworten sie Grenzschließungen, Obergrenzen für die Aufnahme von Geflüchteten – und damit für das Menschenrecht auf Asyl – und Abschiebungen. Viele Frauen* fliehen vor häuslicher Gewalt, vor Vergewaltigung und tödlichen „Methoden“ zum Schwangerschaftsabbruch, vor Mord und Unterdrückung, alles Erfahrungen, die sich hier zu aktualisieren drohen. Ihnen müssen auf und nach der Flucht Schutzräume geboten werden. Aber wenn sie nicht den zufällig „richtigen“ Pass haben, werden sie nicht über die (binnen)europäischen Grenzen gelassen und z.B. in Griechenland in Lagern und Gefängnissen festgehalten oder gezwungen, dort auf der Straße zu leben. Egal, wie viele Länder als vermeintlich „sicher“ fremdbenannt werden, Gewalt gegen Frauen* wird sich dadurch nicht abschaffen.

Wir brauchen keine Gelder für Frontex und Regierungen, die die Flüchtenden mit allen Mitteln davon abhalten sollen, Europa, die EU oder Deutschland zu erreichen, sondern für selbst-organisierte Frauen*gruppen, die sich in den jeweiligen Regionen für Frauen*rechte stark machen, wie z.B. Kafa im Libanon. Kurd*innen kämpfen in Rojava gegen Patriarchat und IS. Und Deutschland gibt Erdogan Milliarden von Euro, mit denen er u.a. Gefängnisse für Migrant*innen baut und Kurd*innen ermordet. In den Refugee Camps, in den (Abschiebe)knästen und Lagern entlang der Balkanroute und genauso in denen in Deutschland gibt es kaum Privatsphäre und keine Schutzräume. Sexuelle Belästigung durch andere Refugees, Polizist*innen und Anwohner*innen ist alltäglich.

Die rechte Stimmungsmache und politische Praxis gegen Menschen auf der Flucht und Migrant*innen leistet ihren Teil zur Aufrechterhaltung von Gewalt gegen Frauen* weltweit.

Das Patriarchat ist überall. Auch in „unserem“ achso fortschrittlichen „Deutschland“ sind Homophobie und Sexismus kaum weniger als ein Zeichen gelungener Integration. Viele Kulturen sind von Männlichkeiten dominiert. Und  keine sollte es sein. Überall gibt es Frauen*, Männer*, Trans* und Inter*personen, Lesben* und Schwule*, Bi*- und Asexuelle, die sexistischer Gewalt ausgesetzt sind, und überall gibt es Menschen, die sich dagegen wehren. Menschen, die gegen ihre Unterdrückung kämpfen, und solidarische Verbündete. Alle, die im Jahr 2016 sexuelle Selbstbestimmung als etwas unterstützenswertes für sich entdeckt haben, sind herzlich eingeladen, sich an den Kämpfen gegen das Patriarchat zu beteiligen:

Lasst verbale Gewalt nicht umkommentiert! Gebt sexualisierten Demonstrationen männlicher Macht, frauenfeindlichen Witzen, homophoben Beleidigungen keinen Raum. Fragt Menschen, die eurer Beobachtung nach auf der Straße oder in Clubs etc. bedrängt werden, wie es ihnen geht und ob sie sich irgendeine Form von Unterstützung wünschen. Brecht die Logik, die Frauen als schutzbedürftige Objekte abstempelt. Unterstützt die Sprechposition von FrauenLesbenTrans*Interpersonen im öffentlichen Raum, schenkt Betroffenen von Diskriminierung Gehör und bietet uns Plattformen, zeigt Filme mit weiblichen, lesbischen, Braunen oder Schwarzen Superheld*innen, zitiert die Arbeiten weiblicher* Wissenschaftler*innen, spielt emanzipatorische Musik. Unterstützt FLTI*Räume und Projekte. Nehmt an Antisexismus-Workshops teil und dient als feministische Multiplikator*innen. Greift das heteronormative Weltbild unseres Alltags an und wehrt euch gegen die einschränkenden und unkreativen Rollenzuweisungen zweier konstruierter Geschlechter. Schaut in den Spiegel und emanzipiert euch von den gewaltvollen Männlichkeitsnormen, mit denen ihr aufgewachsen seid. Begeht Suizid, spendet Geld an selbstorganisierte Unterstützungsprojekte für Überlebende sexualisierter Gewalt.

Und: Setzt euch dafür ein, dass FrauenLesbenSchwulenTrans*Inter-personen, die vor patriarchaler Unterdrückung fliehen, Asyl gewährt wird. Kämpft für libertäre Ideale: Sexuelle Selbstbestimmung und Bewegungsfreiheit sind nur zwei davon.

“I do not believe that our sexuality, gender expression and bodies can be liberated without making a ferocious mobilization against imperialist war and racism an integral part of our struggle.“ Leslie Feinberg.

Feminismus kennt keine Grenzen!

Unterwegs 18.11.15

Preševo 17.11.15 / 1 p.m.

Wir fahren in Preševo vorbei. Alles sieht anders aus. Keine Warteschlangen sind zu sehen. An der Oberfläche wirkt alles geordneter, aber wir wissen nicht, wo die Leute sind, wie es ihnen geht und wie lange dieser Zustand anhält.

Unterwegs eine weitere Nachricht: Alle Volunteers bis auf 15 wurden in Preševo aus dem Camp geschmissen. Wir haben Theorien zu den Hintergründen dieser Aktion, aber keine sicheren Informationen.

Šid 17.11.15 / 8 p.m.

Sid
Long line of busses at the gas station, Foto: David Kaupp

Hier sieht es nicht viel anders aus als „damals“. Es stehen viel mehr Busse am Rand, um die 15 Stück. Es sind keine Freiwilligen mehr vor Ort.

Serbisch-kroatische Grenze 17.11.15 /  9 p.m.

Unser Auro wird angehalten. Eine Person liegt hinten auf der Rückbank und schläft mit dem Schal über den Augen. Den Grenzbeamten reicht ein kurzer Blick auf das entmummte Gesicht, vermutlich, um sicherstellen, dass es eine Person mit „weißer“ Hautfarbe ist. Hart.

Wie schön es doch wäre auch nur eine Kontrolle ohne racial profiling zu erleben…

Rigonce. Kroatisch-Slovenische Grenze 18.11.15 / 3 p.m.

Auch an der Grenze zwischen Kroatien und Slovenien werden wir standardmäßig kontrolliert. Was haben wir gemacht, wo waren wir, wie lange, ist das unser Auto und wohin wollen wir weiter? Wir kommen von einem Camping Trip und wollen zurück nach Deutschland. Ja direkt, ohne Umwege. Wir sollen Tür und Kofferraum öffnen. Letzterer spinnt manchmal, die Seitentür ist endgültig kaputt gegangen und lässt sich gar nicht mehr öffnen. Ähem. Der Grenzbeamte* notiert sich das KFZ-Kennzeichen und alle unsere Passnummern.

New border fence by Rigonce
New border fence by Rigonce, , Foto: David Kaupp

Kurz nach der Grenze spazieren wir auf ein Feld und fotografieren im letzten Tageslicht den neuen NATO-Drahtzaun, der Anfang November dort errichtet wurde. Er schließt das Grundstück, auf dem wir stehen, und die gesamte restliche Ortschaft von einem kleinen Fluss ab. Wir haben den Impuls, auszuprobieren, ob wir hindurch klettern können – aber das wäre vermutlich eine dumme Idee.

Dobova 18.11.15 / 4 p.m.

Im Grenzlager in Dobova geben wir uns als politisch interessierte Touris aus. Wir laufen aufs Gelände und machen einige Fotos, bevor wir wieder rausgeschickt werden. Eine Mitarbeiter*in des Slovenischen Roten Kreuzes beantwortet uns einige Fragen. „Whose idea was the fence?“ Sie erzählt, Slovenien wolle die Geflüchteten alle über Dobova leiten, weil sie mehr als ein Lager kapazitär nicht stemmen könnten. Sie fragt, wie lange wir noch in Slovenien bleiben und ob wir nicht als akkreditierte Freiwillige helfen wollen.

Sie erzählt von den Problemen, die sie damit haben, Familie zusammenzuhalten, weil es zwei Stationen gibt, an denen die Leute registriert werden. Erstmal am Bahnhof, und wenn dort die Kapazitäten nicht ausreichen, werden sie mit Bussen hier ins Camp gefahren. Einige bleiben nur ein paar Stunden, andere übernachten hier, je nachdem, wieviele Leute Österreich gerade über die Grenze lässt. Das Lager ist krass von Polizei und Militär abgeriegelt. Auf die Frage nach dem warum antwortet die Mitarbeiter*in, die Regierunge tue dies „for Security“. Dabei rollt sie mit den Augen. Sie sagt, Slovenien sei Transitland und wolle Transitland bleiben. Das heißt, die Soldat*innen stehen hier, um sicherzustellen, dass keine Person aus dem Camp herauskommt und in Slovenien Asyl sucht.

Wir schauen uns die Situation am Bahnhof an. Dort laufen viele Leute durch einen eingegitterten Weg vom Gleis zu einer Straße, auf der drei Busse für die Fahrt bis zum Camp bereitstehen.

dobova train station
Police forces at the Dobova train station, Foto: David Kaupp

Wir geben zwei Leuten einen Packen Infokärtchen und bitten sie, diese im Bus weiterzuverteilen. Fünf Polizist*innen sind vor Ort, tragen Mundschutz und fuchteln mit ihren Schlagstöcken, während sie u.a. Familien mit kleinen Kindern den Weg in den Bus weisen.

Keine*r redet mit ihnen über die weiteren Abläufe. Diese Mischung aus bewusster Einschüchterung, Intransparenz und Bevormundung ist absolut eklig. Als wir anfangen, zu fotografieren, warnen sich die Polizist*innen gegenseitig und stecken die Schlagstöcke ein.

Slovenische Autobahn, 18.11.15 / 9 p.m.

Ein Polizeiauto auf Streife fährt vor uns auf, an der Anzeigetafel steht „Please follow! Bitte folgen!“ Wir halten auf dem nächsten Parkplatz an. Dort wollen sie alle Ausweise, Fahrzeugpapiere und den Anhängerschein sehen. „Do you carry any weapons or drugs?“ – „No, do you?“ Nachdem wir aus der „totally random control“ entlassen werden, können wir wieder auf die Autobahn. Dass wir bis hierhin vergessen haben, eine Vignette zu kaufen, wird uns verziehen.

Slovenisch-Österreichische Grenze 18.11.15 / 10 p.m.

Vor uns wird ein PKW mit polnischem Kennzeichen rausgezogen. Wir dürfen passieren und beschweren uns. Auch wir haben ein Recht auf verdachtsunabhängige Diskriminierung!

Tschechisch-Deutsche Grenze 19.11.15 / 9 a.m.

Wir werden durchgewunken und fahren vorbei. Dann sieht ein deutscher Beamter das „NO BORDERS!“ auf unserer Heckklappe und lässt uns doch anhalten. „Alle Ausweise bitte!“ Er bemüht sich sichtlich um Unfreundlichkeit. Er nimmt nur zwei von drei Ausweisen mit, wir scherzen über das Bildungsniveau der Bundespolizei, und dürfen weiterfahren.

Potsdam 19.11.15 / 20 p.m.

Wir sind angekommen und fahren den VW-Bus in die Autowaschanlage. Er ist immer noch schlammig. Das ist ok.

Preševo 10.11.15

Preševo, 10.11.15 / 8 p.m.

Die Menschen in der Reihe bekommen keine Information von den Behörden, auf was sie hier eigentlich warten oder wie lange das vermutlich dauern wird. Viele fragen die Volunteers in den Warnwesten und geben die Informationen an andere weiter.

independent volunteer outside of Presevo refugee camp
Independent volunteer outside of Presevo refugee camp, Foto: David Kaupp

Durch das Crowd Controlling Konzept mit den mehreren durch Gitter voneinander separierten Blöcken werden ständig Leute getrennt, die zusammen reisen. Manchmal können wir bei der Zusammenführung von Ehepaaren oder Eltern und Kindern helfen, wenn die Polizei es zulässt, aber andere Familienbande, Liebesbeziehungen oder Freundschaften zählen nicht als Argument. Die Leute müssen hoffen, dass sie sich im Camp oder vor den Bussen wiederfinden.

Hinter den Gittern auf dem Asphalt liegen mehrere schlafende Kinder. Eine Frau* gestikuliert auf der anderen Seite der Absperrung. Wir heben die Kinder hoch und tragen sie in den nächsten Block. Dabei hoffen wir inständig, dass niemand Fotos macht. Ein Kind hat einen Schuh verloren und wir laufen nochmal zurück. Eine andere Mutter sucht ihre Kinder, um sie nach der langwierigen Registrierung wieder abzuholen. Wir finden sie weinend in einem der Gitterzelte, anscheinend waren sie dort zwei Stunden lang alleine.

In den Zelten ist es heiß und stickig. Menschen stehen dicht aneinander gedrängt. Wir wollen keinen Mundschutz aufsetzen, weil die symbolische Wirkung dessen stigmatisierend und voll daneben ist. Gleichzeitig ist es wichtig, die Kinder, die wir tragen, vor Ansteckungen zu schützen. Wir binden uns Tücher vor den Mund.

Soldier wearing a mask
Soldier wearing a mask, Foto: David Kaupp

Die hygienische Situation wird immer schlimmer. Am Mittag wurden die meisten Dixies geschlossen und mit jeder Menge Gaffa zugeklebt. Es bleiben zwei Toiletten für abertausende Menschen.

Kid waiting apart from the line
Kid waiting apart from the line, Foto: David Kaupp

Während wir im Volunteerhaus für alle Freiwilligen kochen, meint ein Volunteer*, dass das Lager hier geschlossen werden sollte. Es sei mega hart für die Anwohner*innen und nicht sicher für die Refugees. Er* findet, dass das Essen etwas kosten müsste, damit es mehr wertgeschätzt und weniger davon weggeworfen wird. Wir erfahren, dass im Camp nach der Registrierung Suppe ausgegeben wird, aber diese sei teuer und die Kochgruppe könne die Versorgung kaum aufrecht erhalten.

Auch die Versorgungshilfe der Volunteers kommt an ihre Grenzen. Finanzen sind nicht unerschöpflich und auch die Kräfte sind begrenzt. Eine Freiwillige erzählt, wie einer Person, nachdem sie ihre Papiere bekommen hat, die Tasche geklaut wurde. Der Polizist, der bei der Registrierung dabei war, hat alles geleugnet und sich geweigert, direkt ein neues Papier auszustellen, und sie musste wieder ganz von vorne anstehen. Die Freiwillige meint, sie sei völlig fertig. „Man kann sich eh nur um einzelne Geschichten kümmern, und selbst da kannst du nichts machen. Ich mag da grade nicht wieder rausgehen.“ Uns ist erstmal ausschließlich Einzelfallhilfe möglich, es gibt kaum Gelegenheiten, strukturelle Kritik zu sammeln und Lösungsansätze umzusetzen, da es dazu an Zeit, Energie und Erfahrung mangelt.

Alle haben Angst, dass jemand in der Menge zu Tode kommt. Mehrere Volunteers bringen den Vorschlag, zwei verschiedene Wartereihen einzurichten: Eine für Familien, eine für allein reisende junge Männer. Dieser Vorschlag ist noch nicht völlig durchdacht, aber er würde das Gefahrenpotential für Kinder, überrannt und lebensgefährlich verletzt zu werden, senken. Ein*e Volunteer*in versucht, den Polizeichef in Belgrad via E-Mail zu erreichen, da all ihre Versuche, mit immer neuen Polizist*innen zu reden, um diesen Vorschlag umzusetzen, am Schichtarbeitsplan der Diensthabenden scheitern.

Manchmal wird uns erlaubt, Leute mit Kindern an der Menge vorbei nach vorne zu holen, wenn die Polizei milde gestimmt ist. Keine*r der Wartenden beschwert sich darüber.

Molitary Police
Military Police

Eine Militäreinheit ist angekommen. Überrascht erleben wir die Militärs als verhältnismäßig entspannt und freundlich. Sie stellen die Polizeigitter quer über der Straße so um, dass sie in Dreiecken zulaufen. Die Soldat*innen beginnen nun ebenfalls in kompletter Panzerung bei der Kontrolle der Menge mitzuarbeiten. Obwohl nun deutlich mehr Einsatzkräfte vor Ort sind, reichen Personenkapazität und Konzepte immer noch nicht aus, die Menge gewaltfrei zu lenken.

Es werden nun regelmäßig Elektroschocker eingesetzt um die Menschen zurückzuhalten. Das Geräusch der Tazer wechselt sich mit den Schreien der Polizei und Militärs ab.

Military Police
Military Police, Foto: David Kaupp

Uns wird von rassistischen Äußerungen von seiten einzelner Beamt*innen und Übersetzer*innen berichtet. Ein paar Mal kommt es zu Handgreiflichkeiten in der Menge. Stellenweise beobachten wir auch Rassismus unter den Geflüchteten. Einige wollen nicht in den selben Bus steigen wie andere Migrant*innen. Einmal äußert sich ein Mensch positiv zu Hitler, als er* mitbekommt, dass wir aus Deutschland kommen. Außer einer reflexartigen Distanzierung lassen wir uns nicht auf ein Gespräch ein. Einige palästinensische Geflüchtete pöbeln gegen den israelischen Staat und erzählen darüber, wie scheiße sie Netanjahu finden. Ihre Aussagen sind teilweise antisemitisch, teilweise empirisch. Wir hüten uns davor, unsere Expertise in ihrer Lebensrealität zu überschätzen.

Vieles, was wir hier von Leuten mitbekommen, passt uns politisch nicht. Wie überall sonst haben wir auch hier viel zu meckern. Wir sind hier, um die Sprechposition der Refugees zu unterstützen. Wir haben die Utopie einer Welt, in der Menschen aus politisch coolen Gründen gehasst werden. Wenn Leute Arschlöcher sind, möchten wir sie DESHALB ablehnen können. Wir wollen, dass sie nicht DESHALB unfair behandelt werden, weil sie in bestimmten Regionen geboren wurden und fliehen oder auswandern.

Wir verbringen viel Zeit damit, uns mit anderen Gruppen und Hilfskonvois zu vernetzen, ihnen Infos über die Situation und Unterstützungsmöglichkeiten in Preševo zu geben und uns über aktuelle politische Entwicklungen informieren zu lassen. Wir erfahren, dass Schweden für zehn Tage die Grenze dicht macht und keine Geflüchtenden mehr durchlässt. Deutschlands neues sinnloses Hobby scheint es zu sein, auch Leute, die weiter in andere Länder reisen wollen, zu zwingen, in Deutschland Asyl zu beantragen. Slowenien hat einen Grenzzaun aus Stacheldraht nach Kroatien gebaut. Wir hören, es seien in Kooperation mit Regierungen von Ländern an der afrikanischen Mittelmeerküste Mittel in Millionenhöhe gegen Migration beschlossen worden, schick verpackt als Unterstützungspakete für hilfsbedürftige Volkswirtschaften.

Die offiziellen Wartezeiten, die zum Teil auch in den Medien kursieren, betragen wohl drei Stunden. So wie wir die Campsituation beobachten, ist das völlig falsch. Die Kommune bezahlt zu wenig Leute für die Registrierung. Diese dauert zu lange. Die EU, die diese Registrierung fordert, müsste zusätzliche Busse stellen. Mit etwas Geld könnte die Gesamtsituation massiv entschärft werden.

People waiting in line
People waiting in line, Foto: David Kaupp

Alis Story:

Ali (name changed) was living in Afghanistan when things got bad and he had to flee the country some years ago. He was able to get to Austria and startet school there getting an ‚Hauptschulabschluss‘. But after some time he was forced to leave Austria and was taken back to Afghanistan. There his family tried to made him live as a strictly religious person which he refused so he had to leave his house again. On the way out of town he was kidnapped by Taliban forces and held in a cell for three month where he was beaten and treated very badly. After he was able to get away from the Taliban he is now once again on the way to Europe seeking asylum as he has no place where he could be save in Afghanistan.

The past years have left their marks and now Ali has psychological issues making him unable to stay in a large loud crowd without panicking. Now on his way through the several camps on the Balkanroute he is forced to stay in such crowds over and over again. In Macedonia he tried to talk to a doctor at a camp and they gave him pills but nothing more. In Preševo he is now standing next to the huge dense crowd unsure what to do as he says. On the one hand he can’t stay here in Preševo for days and days over, on the other he can’t bear the crowd and it’s right now about 12 hours to the end of the line where the registration is happening. He asks a volunteer to go to the MSF tent to ask them if there is any way they could help him to register without having to stay that long in the crowd, but they can only promise some pills and tell the volunteer that the officials don’t even allow nine month pregnant women to bypass the twelve hour queue.

We listen to his story, which is pretty much all we can do.

Passports
A man holding his and his family’s passports waiting in line, Foto: David Kaupp

Während auf der Straße tausende Menschen vorbeiziehen und sich immer wieder Krankenwagen durch die Menge mühen, sehen wir einen Menschen in seinem*ihren Wohnzimmer Fernsehen.

Von sieben bis neun Uhr früh stehen wir noch völlig kaputt am Teezelt und kochen und verteilen heißen Tee mit tonnenweise Zucker. Jede zweite Person fragt uns, ob sie noch nachsüßen kann. Es tut gut, sich die Arbeiten untereinander so aufteilen zu können, wie bei allen gerade die Kräfte gelagert sind. Manchmal kostet es weniger Energie, den Kopf auszuschalten und ohne zwischenmenschliche Interaktion stumpfe und notwendige Arbeitsschritte auszuführen, manchmal ist es leichter, körperlich weniger Anstrengendes zu machen und beispielsweise herumzulaufen, mit den Wartenden zu quatschen und Infos zu verbreiten. Wir versuchen, allen Leuten, denen wir Tee geben, einen herzlichen guten Morgen zu wünschen, und warten ungeduldig darauf, dass die Tagschicht kommt und übernimmt. Wir hören Musik, die uns wach halten soll. Wir entscheiden uns, keinen deutschsprachigen HipHop/LiedermacherPolitPunk anzumachen. Deutsche sind hier auch so schon präsent genug. Als ein serbischer Volunteer sagt ‚You know, lots of people from Germany, Austria and Switzerland are here. They are very very helpful!‘, meinen wir ‚Yeah, they’re the ones that should feel the most guilty about the situation of the refugees.‘

Wir merken nicht, wie körperlich belastend unsere Aktivitäten sind, es geht uns gut. Als wir kurz vor dem ins Bett gehen noch Fotos machen wollen, funktioniert das nicht, weil wir zittrige Hände haben.

Unterwegs 17.11.15

Der Stacheldrahtzaun an der kroatisch-slowenischen Grenze
New barbed wire fence on the Slovenien border to Croatia, Foto: David Kaupp

Uns erreichen schlechte Nachrichten:

In Preševo werden nur noch Menschen registriert, die einen irakischen, afghanischen oder syrischen Pass haben. Alle anderen werden in Preševo festgehalten und müssen warten oder werden direkt in Busse zurück nach Mazedonien gezwungen.

Uns wird schlecht. Die europäischen Länder machen nacheinander die Grenzen zu.

Wir bereuen, dass wir kaum jemanden, mit dem*der wir gesprochen haben, nach einer Möglichkeit des kostenlosen Kontakt haltens gefragt haben. So hätten sie uns Updates über ihre Situation geben und wir weiterhin versuchen können, sie zu unterstützen. Wir haben zwischendurch daran gedacht, uns aber nicht getraut, den Leuten unsere Sympathie aufzudrängen.

Preševo 11.11.15

Preševo 11.11.15 / 4 p.m.

Die Médicins Sans Frontièrs arbeiten nur von 6 bis 20 Uhr. Auch wenn es arbeitsschutztechnisch fein ist, Leuten keine unbegrenzten Arbeitszeiten zuzumuten, ist es undurchdacht, in dieser Situation nur tagsüber ansprechbar zu sein. Menschen, die medizinische Hilfe brauchen, stehen ab ungefähr 24 Uhr vor einem freundlichen Schild: „Doctor coming at: 6.00 a.m.“ Selbst wir kriegen es hin, uns in Schichten zu organisieren.

For many people needing medical support waiting in the 12h queue is too exhausting
For many people needing medical support waiting in the 12h queue is too exhausting, Foto: David Kaupp

Nachts gibt es mehrere Situationen, in denen wir medizinische Notfallhilfe leisten müssen: Eine Person deutet auf ihren Kopf und verzieht das Gesicht zu schmerzvollen Grimassen. Wir reichen ihr eine Packung Paracetamol. Wenn wir Menschen mit Schnitt- oder Schürfwunden bei uns am Teezelt bedienen, fragen wir, ob wir die Wunden mit Desinfektionsspray und Pflaster „behandeln“ sollen. Wir treffen auf ein völlig unterkühltes Kind, dass kaum noch darauf reagiert, was um es herum passiert. Wir füllen behelfsmäßig leere Plasteflaschen mit heißem Wasser auf und stecken ihm diese unter den Pulli, in Jackentaschen, Hosentaschen und wickeln eine Wärmedecke um das Kind. Der Vater legt es sich auf den Bauch und es fängt langsam wieder an, sich bemerkbar zu machen. Eine schwangere Frau* bittet uns um Hilfe. Sie liegt in den Wehen. Im MSF-Zelt ist niemand. Wir geben eines unserer Telefone weiter und eine Begleitperson versucht händeringend, eine Ärzt*in zu erreichen. Wir wissen nicht, ob mit der Geburt alles gut gegangen ist.

Immernoch kommen Tausende Menschen durch Preševo. Die Warteschlangen werden immer länger. Am Straßenrand sitzen überall Menschen, die es in der Menge nicht mehr aushalten. Eine Frau* mit ihrem Kind auf dem Schoß spricht uns an, als wir vorbeilaufen. ‚Was soll das hier? Was denkt ihr euch dabei, uns hier ohne Essen, ohne Toiletten warten zu lassen? Wie stellt ihr euch das vor, dass wir das hier überstehen?‘ Wir wissen nicht, was wir sagen sollen. Die Menschenmenge staut sich immer weiter an. Die Stimmung ist gleichzeitig bedrohlich aufgeladen und apathisch. Die ganze Nacht kippt die Dynamik zwischen Eskalation und Entspannung, zwischen Rücksichtslosigkeit und gegenseitiger Hilfe. In den Morgenstunden wird die Teeküche umgerannt, das Infozelt stürzt ein.

trash cleaning
Some cleaning is happening in the morning after the press arrived, Foto: David Kaupp

Als es hell ist, kommen einige Presse- und Kamerateams. Tatsächlich lassen sich einige NGOs, wie das Serbian Red Cross, nun zum ersten Mal außerhalb des Camps sehen. Wir dachten ja bis dato, der UNHCR sei tatsächlich nur ein Modelabel. Bisher haben wir noch keine Helfer*innen vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen irgendwo gesehen, aber überall sind Decken und anderes mit seinem Logo zu finden.

UNHCR Decken
Blankets with UNHCR branding on police lattices, Foto: David Kaupp

Um 12 Uhr bekommen wir einen hektischen Anruf: Unser Transporter muss Serbien verlassen. Und zwar bis heute Abend, sonst drohe den beiden Fahrer*innen aus unserer Gruppe Untersuchungshaft. In Vranje steige ein Polizist* zu, der mit zur kroatischen Grenze fahre, um sicherzustellen, dass wir die Anweisungen befolgen. Ohne ein schlechtes Licht auf die serbische Bürokratie werfen zu wollen (wir hätten uns strategisch klüger verhalten können), hat der Kontext dieser behördlichen Aktion unser ungläubiges Ausrasten zur Folge. Die EU fordert die Registrierung Flüchtender, hier in Preševo werden viel zu wenig Leute dafür eingestellt, sodass es riesige Warteschlangen und Menschenleben gefährdende Panikausbrüche innerhalb der Menge gibt, aber der Staat hat freie Beamte über, um sie auf einen Betriebsausflug nach Kroatien zu schicken? Während wir hoffen, dass hier niemand erfriert, wird uns U-Haft angedroht, weil wir Spendengüter einführen.

Ein Mensch, der gekommen ist, um zu überwachen, dass wir nicht noch heimlich Sachspenden aus dem Auto nehmen, bevor wir losfahren, fühlt sich sichtlich unwohl in seiner Rolle. Er erzählt mit ein paar englischen Worten etwas vom blöden Serbien, dass er doch auch ein guter Mensch sei und ihm das alles sehr Leid täte. Wir ziehen einiges an angeblich unserem persönlichem Zeug aus dem Transporter. Irgendwann gibt er auf seinem Smartphone etwas in den google translater ein und zeigt es uns. Auf seinem Display steht: „Nehmt die Sachen, die ihr hier wirklich braucht, noch raus…“ Wir bedanken uns freudig und packen alle Decken, Schlafsäcke und das Kochequipment auf den Parkplatz.

Refugees need to sit down to wait behind the lattices
Refugees need to sit down to wait behind the lattices, Foto: David Kaupp

Nachdem wir  die beiden, die sich jetzt auf den Weg nach Kroatien machen müssen, verbschiedet haben, setzen uns noch kurz zusammen, um das „Wie weiter?“ zu besprechen, dann gehen einige von uns schlafen. Wir sind dankbar, in unserem VW-Bus pennen zu können. Hier haben wir einen Schutzraum, ein bisschen abseits der ganzen überfordernden Situation. Es tut gut, sich manchmal rauszuziehen, mit dem Kopf woanders zu sein, auch einfach über Sachen zu reden, die nichts mit all dem hier zu tun haben. Wir schlafen mit Oropax im Ohr und haben uns Schals über die Augen gebunden. Die immer präsente Geräuschkulisse aus den Rufen der wartenden Menschen, den schreienden Polizist*innen und den Motoren der Busse flaut an und ab.

Miratovac 15.11.15

Miratovac 16.11.15 / 7 a.m.

Gestern haben wir die meiste Zeit damit zugebracht, Aufstrich zu machen, Brot zu schneiden und später Sandwiches und Wasser auf der Straße von der mazedonischen Grenze nach Miratovac auszugeben.

Sandwiches sind eine ziemlich ineffiziente Wahl, da es viel Zeit und Hände erfordert, eine kleine Zahl an Menschen damit zu versorgen. Ihr Vorteil liegt in ihrer einfachen Handhabbarkeit. Außerdem können die Leute sie – anders als Suppe, von der wir in kürzerer Zeit mehr Portionen machen könnten – mitnehmen und essen, wenn sie Hunger bekommen.

Einige hundert Menschen sind vorbeigelaufen: Es ist spannend zu beobachten, was für Bindungen man knüpft. Die meiste Zeit kannst Du Dich nicht an Passant*innen als Menschen erinnern, die Du überhaupt jemals getroffen hast, einige findest Du anstrengend… Und ab und zu gibt es eine Person, von der Du weißt, dass Du sie nicht vergessen wirst. Es ist ein seltsames Gefühl, Auf Wiedersehen zu sagen – und viel Glück zu wünschen.

practical solidarity from local farmer
Practical solidarity from local farmer, Foto: David Kaupp

Ein Mann schaut unter dem Heuballen, den wir in Beschlag genommen haben, etwas im Internet nach, während er sich mit uns unterhält. Er spricht Arabisch, Französich und Englisch und wollte nach Frankreich oder Belgien. ‚Aber jetzt‘, murmelt er, ’nach dem, was passiert ist… Der Terror ist eine Schande. Frankreich ist jetzt zu… es ist eine Schande.‘

freedom and equality - take care of onanother!
For freedom and equality – take care! Sternstunden der Misanthropie: Diese Welt gibt uns wenig Raum, um Trauer über grausame Taten zu empfinden, weil wir mit der Angst davor beschäftigt sind, welche noch dümmeren und leidvollen Konsequenzen andere daraus ziehen. In jeder Situation steht die Entscheidung neu aus: Reagiere ich mit Solidarität oder mit Abschottung? Europas Tendenz ist eindeutig. Foto: David Kaupp

Am Abend stellen wir fest, dass wir nicht genügend Gemüse und Linsen haben, um Aufstrich für den nächsten Tag zu machen, also entschließen wir uns, ein paar Lebensmittel zu besorgen. Es ist hier überraschend einfach, am Sonntagabend einzukaufen. Die meisten Läden sind noch offen. Nach einigen Schwierigkeiten, das Wort „Linse“ zu erklären – we haben sogar einen Sack Gurken umsonst bekommen von einem sehr freundlichen Ladenbesitzer in Miratovac – bekommen wir endlich alles zusammen, was wir brauchen.

In der Zwischenzeit hat die Polizei willkürliche Checkpoints überall in Preševo eingerichtet und kontrolliert an jeder zweiten Ecke Autos. Auf dem kurzen Weg zum Supermarkt in Preševo haben wir elf Checkpoints passiert. Auch in Miratovac ist auf einmal Militärpolizei mit automatischen Waffen aufgetaucht. Gerüchte behaupten, die erhöhte Kontrolldichte komme aufgrund des Besuchs des serbischen Premierministers zustande.

Am Abend sehen wir einen Staatskonvoi mit getönten Scheiben wichtigtuerisch durchs Dorf rasen. Angeblich wurden die Beamten, die die Registrierung im Camp machen, nach dem Staatsbesuch mehr als verdreifacht – von 4 auf 13. Die Schlange ist so schnell auf weniger als die Hälfte der Länge geschrumpft. Die durchschnittliche Wartezeit beträgt nun angeblich eine halbe Stunde. Wir brechen in Anbetracht dieser Neuigkeiten in hilfloses Gelächter aus.

Military police in front of the volunteer base
Military police in front of the volunteer base, Foto: David Kaupp

Letzte Nacht haben wir wieder damit verbracht, Sandwiches zuzubereiten. Unser ursprünglicher Plan, sie heute an der Straße auszuteilen, wird schnell obsolet, als in der Nacht hunderte von Geflüchteten ankommen und nach Essen fragen. Innerhalb von ein paar Stunden sind alle 400 Brote verteilt.

Immerhin ist es demnach eine gute Idee gewesen, weitere 100 Brote zu diesem Morgen zu bestellen. Momentan ist es sehr schwierig abzuschätzen, wer welche Vorräte brauchen wird. Die Lage scheint sich so oft zu ändern; in einigen Phasen kommen alle zehn Minuten 50 Leute vorbei, dann wieder für zwei Stunden überhaupt keine. Wir konnten keine Freiwilligen in Griechenland erreichen, um mehr über den Rhythmus herauszufinden.

Nachdem wir mit Essen machen, abwaschen, aufräumen, Boden wischen fertig sind, setzen wir uns an den nächsten Blogeintrag und das Sortieren der Fotos. Vor dem kleinen, verlassenen Laden, den die Freiwilligen gemietet haben und jetzt als Lager und Küche nutzen, liegt eine kleine Straßenecke. Die Leute halten in der Nacht immer wieder hier an und ruhen sich aus. Sie wirken froh über den warmen Tee, der ihnen angeboten wird.

Um etwa vier Uhr morgens kommt eine Gruppe Flüchtender vor dem Laden an. Sie zitterten alle nach dem langen Weg bei etwa 0°C. Wir bitten sie in den Laden und hoffen, damit keinen Ansturm auf den relativ kleinen Raum auszulösen. Eingehüllt in Decken, und mit einem heißen, zuckrigen Tee in ihren Händen erholen sie sich langsam und beginnen, mit uns zu reden. Obwohl wir nur etwa zehn Worte Arabisch sprechen und sie nur ein paar Worte Englisch, haben wir eine recht angeregte Unterhaltung über ihre Heimat in Syrien und Hochzeitspläne nach ihrer Ankunft in Deutschland, indem wir ein Piktogrammwörterbuch und improvisierte Zeichensprache verwenden. Die Atmosphäre ist leicht und entspannt. Wir sind dankbar, es hebt unsere Laune und stellt ein wenig unserer Energie wieder her. Wir albern herum und es gibt das dringende Bedürfnis zu klären, wer mit wem verheiratet oder wenigstens zusammen ist oder nicht – und warum, natürlich. Als zwei von uns in einen Streit darüber geraten, wie eine Passage des Blogs ins Englische zu übersetzen sei und der Kerl vom Mädchen zu Boden gekampelt wird, antwortet eine ältere Dame mit einem frechen und definitiv parteilichen Applaus. Die Leute machen einiges Aufsehen um unser gefärbtes Haar und die Piercings. Ob es wehgetahen hat, als wir das ganze Metall in unser Gesicht bekommen haben? Sie zeigen uns Videos einer syrischen Tänzerin auf ihren Smartphones und eines ihrer kleinen Brüder, die die Tänzerin zu imitieren versuchen. Sie zeigen auf die Kinder, die jetzt in Decken eingerollt in dem kleinen Laden schlafen und machen sich über sie lustig. Irgendwer hat warme Esskastanien mitgebracht und wir lernen, was „lecker“ auf Arabisch heißt – لذيذ.

Irgendjemand hat ein Schild aufgestellt, auf dem steht: „Gestern war Samstag, heute ist Sonntag, morgen ist Montag“, nachdem alle Schwierigkeiten hatten, sich in den Schichtplan einzutragen, da sie nicht wissen, welcher Tag gerade ist. Die Tage verschwimmen immer mehr mit jeder Nachtschicht, die wir machen.

Yesterday was Saturday 14th, today is Sunday 15th, tomorrow is Monday 16th
Yesterday was Saturday 14th, today is Sunday 15th, tomorrow is Monday 16th

Gestern (?) Abend um fünf Uhr nachmittags waren wir zu müde, um aufzustehen. Jetzt ist es fünf Uhr morgens und wir sind hellwach nach zwanzig Stunden ohne Schlaf. Letztlich macht es kaum einen Unterschied, ob wir tagsüber oder nachts wach sind; es gibt immer was zu tun, es wird sowohl immer schwieriger, eine Pause zu machen, als auch, sinnvolle Arbeit zu erledigen:

Wir stellen fest, dass unsere Energie nach mittlerweile zehn Tagen unterwegs sein nachlässt. Wir schaffen es, uns auf die selbst festgelegten Arbeiten zu konzentrieren: Sandwiches machen und an dem Blog basteln und die Fotos editieren. Wir schaffen es jedoch nicht mehr, herumzuhüpfen und überall mit anzupacken, wo es notwendig ist. Gelegentlich verbringen wir einfach Zeit mit Leuten, die durch Miratovac kommen und hier eine Pause machen. Das macht Spaß. Wir haben nicht mehr die Kraft, allen zu sagen, welches Land gerade die Grenzen geschlossen hat, welcher Ort nicht mehr sicher ist, worauf geachtet werden muss, wie schwer die Reise an welchen Stellen wird. Akku alle.

Bei Sonnenaufgang machen wir einen Spaziergang, gebannt von der schönen Natur. Nebel kriecht die Täler und Hügel um Miratovac entlang und taucht die Balkanroute in surreale Farben.

Refugees on their way to Presevo at sunrise
Sun rises above the terrible humanitarian situation along balkan route, Foto: David Kaupp

Unsere Erfahrungen mit serbischen Zollbehörden

Wir haben bereits in verschiedenen Beiträgen angekündigt, unsere Schwierigkeiten mit dem serbischen Zoll zu erklären. Das soll in diesem Artikel passieren. Das komplexe Problem lässt sich in vier Etappen aufteilen. Einige Voraussetzungen liegen vor dem Beginn unserer Reise und werden vorab erläutert.

0. Voraussetzungen

0.1 Änderung der Gesetzgebung in Serbien

Zum 1.  November 2015 sind in Serbien neue Zollbestimmungen in Kraft getreten, die die Einfuhr von gebrauchter Kleidung unter besondere Kontrolle stellen. Wir haben diese Information lediglich mündlich (und nach dem Fall) erhalten und konnten bislang keine Rechtsgrundlage hierfür ausfindig machen. Ebensowenig ist uns der politische Hintergrund der Maßnahme bekannt; es fällt allerdings schwer zu glauben, dass ein derart spezifischer Tatbestand zufällig gerade dann geregelt wird, wenn aufgrund der kälter werdenden Nächte mit einem erhöhten Aufkommen grenzübergreifenden Transports ebendieser Güter zu rechnen ist.

0.2 Transportschein für Sachspenden vom Deutschen Roten Kreuz

Ein persönlicher Kontakt zu einem Angestellten des Roten Kreuzes in Deutschland wird dazu genutzt, einen Transportschein für Spenden zu erhalten. Dort werden die Güter verzeichnet, die wir geladen haben und als Empfangsadresse das Serbische Rote Kreuz in Belgrad angegeben. Die Kontaktperson dort ist uns jedoch nicht bekannt und wir haben keine Möglichkeit, sie zu erreichen. Hiermit hoffen wir, die Waren einerseits zollfrei, andererseits aber auch ohne größeren bürokratischen Aufwand ins Land bringen zu können. Da wir die Dokumente erst kurz vor unserer Abfahrt erhalten, haben wir keine Zeit, weitere Recherche durchzuführen.

0.3 Wahl unseres Fahrzeugs

Wir haben, da wir möglichst viel Kleidung, Decken, etc. und auch das sperrige Equipment mitführen wollen, statt eines VW-Busses einen größeren Transporter angemietet. Diese gelten aber offenbar in Serbien als LKW und müssen daher in einem aufwendigeren Verfahren beim Zoll abgefertigt werden. Personenfahrzeuge werden kaum kontrolliert. Wir werden den Unterschied anhand der verschiedenen Autos, aus denen unser Konvoi bestand, plastisch erleben können.

Erstes Fazit: Um Ärger zu entgehen, sollten möglichst wenige Kleiderspenden mitgenommen bzw. beim Zoll deklariert werden. Es bietet sich an, die Spenden ggf. auf mehrere Kleinbusse zu verteilen, anstatt sie in Transportern oder LKW gesammelt zu transportieren.

1. Grenzübertritt Ungarn/Serbien in Horgoš am 7.11.15 / 8 p.m.

Unsere erste Einreise nach Serbien findet von Ungarn aus am Grenzübergang bei Horgoš statt. Hier führt die Autobahn über die Grenze, es handelt sich also um einen vergleichsweise großen Grenzübergang, der von sehr vielen Lastwagen passiert wird. Da wir bislang an keiner der überquerten Grenzen in irgendeiner Form kontrolliert wurden, stellen wir uns auch hier nichtsahnend in die Schlange für PKW. Die Passkontrollen auf der ungarischen und serbischen Seite verlaufen problemlos. Beim letzten Schritt, der serbischen Zollkontrolle, werden wir allerdings von einem Beamten aufgehalten. Nach einem flüchtigen Blick in den Laderaum wird uns signalisiert, wir müssten uns in die Schlange für LKW einreihen, um am entsprechenden Terminal eingecheckt zu werden. Auf erneute Nachfrage erhalten wir hierfür lediglich die Begründung, dass es sich bei unserem Transporter um einen LKW handele und wir deshalb dort bearbeitet werden müssten.

Auf der ungarischen Seite stoßen wir beim LKW-Zoll auf Unverständnis und werden zurück in die PKW-Schlange geschickt. Weil wir uns so ungeschickt anstellen, weist ein serbischer Kollege uns schließlich weiter vorn in die LKW-Schlange zum serbischen Terminal ein. Das erste, was uns auffällt: Das Equipment für die Zollabfertigung ist ein Geschenk der Europäischen Kommission an die Republik Serbien. So steht es auf großen Plaketten an den Geräten. Hier wird unser Transporter gewogen. Auf die Frage, was sich im Laderaum befinde, antworten wir wahrheitsgemäß. Auf Nachfrage, ob diese ganzen Sachen für uns drei Fahrer*innen gedacht seien, übergeben wir den Transportschein des Roten Kreuzes. Anders als erwartet, scheint der Vorgang dadurch nicht einfacher, sondern erheblich komplizierter zu werden; der Beamte im Zollhäuschen muss erstmal telefonieren. Anschließend stellt er uns die Wägepapiere aus und schickt uns auf einen kleinen Parkplatz, wo wir das Auto abstellen und uns eine Spedition besorgen sollen.

Erst jetzt wird uns klar, dass wir auf dem Zollhof festsitzen. Wir können das Gelände nicht verlassen, weder in Richtung Ungarn noch weiter nach Serbien. Also nehmen wir Kontakt zu den Angestellten der verschiedenen Speditionsfirmen auf, die Büros im Terminal unterhalten. Ein sehr freundlicher Kollege erklärt uns, was für die Weiterreise notwendig ist: Wir müssen eine*n Importeur*in ausweisen, von der*dem nach der Einfuhr eine Bestätigung über den vollständigen Erhalt der Ladung an die Binnenzollbehörde ausgestellt werden muss. Es ist jetzt etwa halb elf Uhr, sodass beim Roten Kreuz niemand mehr erreicht werden kann. Andere Kontakte in Serbien für den Import haben wir nicht. Der Spediteur erklärt uns, er wolle ohne die entsprechenden Kontakte keine Papiere ausstellen, da er in der Vergangenheit bereits zu hohen Bußgeldern verurteilt wurde, nachdem als Hilfsgüter mit seiner Hilfe ins Land gebrachte Waren illegal verkauft worden sind. Wir wenden uns an eine andere Mitarbeiterin des serbischen Zolls.

Hier wird unser Anliegen auf Anhieb verstanden und ernst genommen. Zwar möchte die Kollegin keine Ausnahme vom üblichen Verfahren machen und uns ohne Papiere weiterreisen lassen, kann aber einen Spediteur überreden, uns die notwendigen Einfuhrdokumente auszustellen. Das dauert etwa eine Stunde und uns wird etwa sieben Mal erklärt, wie wir weiter zu verfahren haben: Wir melden uns am Montag beim Zoll in Belgrad, wo wir gemeinsam mit unserer Ansprechperson vom Roten Kreuz auftauchen und die Zolldeklaration zu Ende bringen. Anschließend können wir die Güter frei durch Serbien bewegen. Die anderen warten bereits auf der nächsten Tankstelle auf uns und nach vier Stunden fruchtlosen Überredens erscheint uns das als die konstruktivste Lösung. Der Spediteur erhält 30 EUR für die Ausfertigung der Papiere

2. Besuch des Binnenzolls in Belgrad am 9.11.15 / 1.30 p.m.

Luka Belgrad - No one here expected us
Luka Beograd – No one here expected us

Während die anderen beiden Autos unserer Gruppe auf dem Weg nach Preševo sind, machen drei Leute mit dem Transporter einen Umweg über Belgrad, um wie angeordnet die Zolldeklaration dort beim Binnenzoll zu beenden. Wir erreichen am Montag nicht den vorgesehenen Kontakt beim Roten Kreuz und bekommen von einem Mitarbeiter dort telefonisch die Auskunft, dass in jedem Fall bei einem Import durch das Serbische Rote Kreuz die gesamten Spenden an die Organisation abgeliefert werden müssten. Das ist für uns natürlich keine Option (siehe für Erklärung den Beitrag zum Verbleib der Sachspenden). Wir begeben uns also auf gut Glück zur von der Spedition angegebenen Adresse im Hafen von Belgrad. Während der Chef der dortigen Zollstation nicht auf Englisch kommuniziert, hilft uns eine Mitarbeiterin bereitwillig weiter.
Beograd Zoll
Unser Aktenzeichen ist der Stelle bislang nicht bekannt, offenbar werden die Daten nicht elektronisch zwischen allen Zollstationen ausgetauscht. Nach Inspektion der Papiere, die wir in Horgoš erhalten haben, weist sie darauf hin, dass wir uns an der falschen Zollstation befinden. Wir könnten hier dennoch eine neue Spedition suchen, die die Abschlussdeklaration für uns vornimmt. Dafür sei es jedoch unausweichlich, die Güter in ein Warenhaus entweder des Zolls oder der betreffenden Spedition einzulagern und inspizieren zu lassen. Die Prozedur würde etwa 48 Stunden in Anspruch nehmen. Von einem Kontakt zum Roten Kreuz ist hier interessanterweise nicht noch einmal die Rede. In Anbetracht unserer begrenzten Zeit entschließen wir uns, die Abschlussdeklaration nicht weiter zu verfolgen. Wir verlassen den Zollhof unter dem Vorwand, die richtige Zollstation aufsuchen zu wollen und machen uns auf den Weg nach Preševo.

3. Erstellen neuer Einfuhrpapiere in Preševo am 10.11.15 / 2 p.m.

Am Nachmittag unseres ersten Tages in Preševo erreichen uns zahlreiche aufgeregte Anrufe: einerseits von No Border Serbia, die freundlicherweise zwischen uns und der Spedition gedolmetscht hatten, andererseits von einer Mitarbeiterin der Zollstation in Horgoš, schließlich von einem Spediteur in der Nähe von Preševo. Es ist festgestellt worden, dass wir die Abfertigung der Güter nicht wie vorgesehen in Belgrad zu Ende geführt haben. Nun sollen wir schnellstmöglich Abschlussdokumente anfertigen lassen, da andernfalls Bußgeld und Gerichtsverfahren in Serbien drohen. Da dies von allen drei Kontakten so wiedergegeben wird, gehen wir davon aus, dass es keine leere Drohung ist. Wir treffen uns mit dem örtlichen Kontakt der Spedition, der zwar kein Englisch spricht, aber seinen Sohn am Telefon übersetzen lässt, was gut funktioniert. Wir machen deutlich, dass wir die Sachen nicht an das Rote Kreuz abliefern wollen und nicht außerhalb Serbiens verteilen werden. Daraufhin entwickelt er einen Plan.

Trying to get the correct custom papers ended up in the No Mans Land between Serbie and Macedonia
Trying to get the correct custom papers ended up in the No Mans Land between Serbia and Macedonia

Der sieht vor, dass wir Serbien am nahe gelegenen Grenzübergang Richtung Mazedonien verlassen, ohne jedoch nach Mazedonien reinzufahren. Im Niemandsland zwischen den Grenzposten sollen wir umdrehen und wieder nach Serbien kommen. Auf diese Weise würden neue Einfuhrpapiere beim Wiedereintritt nach Serbien erstellt werden. Wir folgen dem Plan, der bis zur Ausreise aus Serbien gut funktioniert. Anschließend soll ein Mitglied der Gruppe sich beim mazedonischen Zoll melden, um dort eine Bestätigung zu erhalten,Macedonia die Waren wären nach Mazedonien eingeführt worden, ohne dass das je passiert. Der Vorsteher der Station lässt sich auch nach langem Bitten auf diese Vorgehensweise nicht ein. Er telefoniert (unserer Vermutung nach) aber immerhin mit dem Kollegen beim serbischen Zoll und schickt uns dorthin, um das Verfahren zu beenden. Jener ist allerdings wenig geneigt, uns weiterzuhelfen. Wir sitzen im Niemandsland fest, da wir nicht ohne eine ähnlich komplizierte Prozedur nach Mazedonien einreisen können, aber aufgrund der unvollständigen Ausfuhrpapiere nicht wieder nach Serbien gelassen werden.

Der Spediteur, der uns begleitet, kann eine Zwischenlösung erreichen: Wir stellen ein – weitgehend erfundenes, englischsprachiges – Dokument aus, das erklärt, wieso wir die Güter zunächst Richtung Mazedonien ausgeführt, anschließend aber doch wieder ins Land gebracht haben – zu Transitzwecken. Damit gibt sich der Zollchef der serbischen Station zufrieden und räumt uns drei Tage ein, um die Ladung über den Grenzübergang Batrovci zwischen Serbien und Kroatien außer Landes zu bringen. Wir zahlen dem Spediteur 150 EUR und erhalten von ihm neue Zolldokumente. Er gibt uns Anweisungen für die Ausfuhr der Güter nach Kroatien und wir verabschieden uns. Das ganze hat etwa fünf Stunden in Anspruch genommen.

4. Ausfuhr der Güter nach Kroatien am 11.11.15 / 2 p.m.

Am Mittag des darauffolgenden Tages erreichen uns erneut aufgeregte Anrufe und SMS. Die Deadline für die Ausfuhr nach Kroatien wurde verlegt und endet nun noch am selben Tag, um sieben Uhr abends. Wir treffen uns mit dem Spediteur, der uns noch einmal nachdrücklich versichert, wir hätten mit Bußgeld und Gerichtsverfahren, im Fall einer Zuwiderhandlung gar einer Untersuchungshaft zu rechnen. Erneut können wir nicht feststellen, wie stichhaltig diese Risikoszenarien sind, wollen uns aber auf keine gerichtliche Auseinandersetzung in Serbien einlassen. Wir packen schnell diejenigen Sachen, die für den persönlichen Bedarf der restlichen Gruppe gebraucht werden und so viel Equipment und Spenden, wie wir als solchen rechtfertigen können, aus dem Transporter aus und zwei Mitglieder der Gruppe machen sich auf den Weg nach Kroatien.

Da offenbar polizeilich nach unserem Auto gesucht wird, erhalten wir Begleitung durch einen Bekannten des Spediteurs, der bei der Polizei arbeitet. Im Fall einer Polizeikontrolle soll er die Angelegenheit für uns regeln. Wir bezahlen dem Polizisten 100 EUR, dem Spediteur weitere 70 EUR, wofür bleibt im Unklaren. Die Fahrt nach Batrovci dauert etwa sechs Stunden, sodass wir nicht ganz pünktlich sind, aber uns wurde versichert, das sei kein Problem. Nach einer guten Stunde Wartezeit werden wir kurz beim Zoll vorstellig. Dort werden unsere Papiere entgegengenommen und einige Worte auf Serbisch ausgetauscht, die wir nicht erklärt bekommen. Nach fünf Minuten ist die Sache erledigt und wir können Serbien verlassen. Wir überlegen uns kurzerhand, dass wir uns auf der kroatischen Seite dumm stellen und es in der PKW-Schlange versuchen wollen. Hier wird erstmals ein etwas eingehender Blick in unseren Laderaum geworfen, in dem aber nach wie vor nur Kleiderspenden und Schlafsäcke zu entdecken sind. Wir geben an, für eine größere Gruppe den Transport von Sachen für einen Campingtrip in Serbien zu übernehmen und werden ohne weitere Probleme durchgelassen. Auflagen zur Verteilung der im Auto befindlichen Güter werden nicht erteilt.

Fazit

  • Möglichst nicht versuchen, Güter als Hilfsgüter nach Serbien einzuführen, auch nicht, wenn entsprechende Dokumente vorliegen. Einfacher ist es, Zoll zu bezahlen und dafür größere Verfügungsfreiheit zu behalten
  • Möglichst nicht einen großen Transporter oder LKW für den Transport wählen, sondern Kleinbusse.
  • Möglichst nicht mit dem Serbischen Roten Kreuz zusammenarbeiten, wenn autonome freiwillige Arbeit angestrebt wird.
  • Möglichst schon in Deutschland einen Kontakt in Serbien als Importer*in organisieren und bei einer Spedition entsprechende Einfuhrdokumente anfertigen lassen.
  • Nicht auf die Unorganisiertheit des serbischen Zolls vertrauen, der Schein trügt.
  • Für behördliche Erledigungen wie diese kommt man zwar mit Englisch zurecht, doch versteht man wahrscheinlich nur richtig, was passiert, wenn eine Person dabei ist, die dolmetschen kann.

Unterwegs 07.11.15

07.11.15 / 5 p.m.

our car full of donations - we were a tiny bit proud of how professional it looks
our car full of donations – we were a tiny bit proud of how professional it looks like, Foto: David Kaupp

Hallo!

Jetzt sind wir also unterwegs. Gestern sind wir aus Potsdam aufgebrochen – und nachdem wir ein paar letzte Spenden eingesammelt, vergessen und erneut eingesammelt haben – haben wir Stunden damit zugebracht, alles zu sortieren, aufzustapeln und zurück in die Autos zu packen. Wir haben übelst viele warme Klamotten für Babys und Erwachsene, Schlafsäcke, Decken, medizinische Vorräte, Stifte, Spielzeug und andere nützliche Dinge dabei. Vielen Dank an alle, die ihren Kram gespendet haben! Wir sind überwältigt von der Unterstützung, die wir von Euch bekommen haben. Ihr habt uns Wissen, Geld und Kontakte anvertraut, obwohl wir keine wohlbekannte politische Gruppe oder eine große NGO sind. Das fühlt sich empowernd an und stärkt unser Vertrauen in Graswurzel-Organisierung.

Unser Konvoi besteht aus drei Bussen. Wir haben Funkgeräte in allen Autos. Nur für die notwendigen Funksprüche, natürlich. Über ihren Unterhaltungswert hinaus sind die Funkgeräte sehr hilfreich, um zwischen den Autos Kommunikation sicherzustellen. Sie funktionieren unabhängig von dem Land, in dem wir uns befinden und sind dazu noch kostenlos.

Bei all den Spenden in den Autos hatten wir Schwierigkeiten, unsere eigenen Sachen davon zu unterscheiden. Als wir das zweite Mal einen unserer Schlafsäcke von dem Haufen mit den Spenden ziehen, fangen wir an „No Donation“ auf alles, was wir wieder mit nach Hause bringen wollen, zu schreiben. Wir haben die makabre Idee, ein Modelabel mit dem Namen „NO (do)NATION“ zu gründen.

Bislang hatten wir keine Schwierigkeiten an den Grenzen und hoffen, Serbien ohne irgendwelche Zwischenfälle zu erreichen.

Vielen Dank an Euch für all die warmen Worte! Wir wollen versuchen, sie an Menschen weiterzugeben, die sie vielleicht dringender brauchen als wir.

Solltet Ihr irgendwelche Informationen aus Serbien haben, kontaktiert uns bitte über Twitter (@refugee_supp) oder Mail (ref.support[at]riseup.net).

Miratovac 17.11.15

Miratovac 17.11.15 / 7 a.m.

Heute früh um acht soll irgendein EU-Diplomat nach Miratovac kommen. Wir haben da mal was vorbereitet.

non damage graffitti - no stress with the locals
dear EU! fences don’t bring people back to life. safe passage now! Foto: David Kaupp

In der Nacht suchen wir nach einer geeigneten Stelle, an der wir eine Botschaft für den hohen Besuch anbringen können. Schließlich zeigt uns ein Taxifahrer eine Hauswand und meint „Here you can do! Not there – problem for family – but here you can do.“ Wir wollen kein Grafitti an die Wände sprühen, um den Locals keinen Ärger zu machen. Deshalb befestigen wir vier Müllsäcke mit Unmengen Gaffa an der Wand, und sprayen unsere Nachricht darauf. Einige Geflüchtete stehen uns um herum und kommentieren, was wir tun. „Wow, nice, can I do also?“ – „Klar!“ Einer schreibt: „I love you“ auf das Transpi. Wir müssen lachen. Ein anderer fragt „Can I write my name?“. „Sure, but we’ll take a picture of it and upload it in the internet – that might be dangerous then?“ – „No no, that’s ok for me!“ Wir stehen mit den Leuten herum und sie versuchen, uns etwas Farsi beizubringen. „Dankeschön“, „du bist nett“, „das ist verrückt“. Sie sind aus dem Iran geflohen, und wollen nach Deutschland. Einer malt einen Umriss in die Luft: „This is Germany. Is it better to go to the East, or to the West?“ Wir überlegen. „Köln, Stuttgart, Hamburg?“, fragt er weiter. Wir überlegen immer noch… Sachsen und Bayern liegen im Osten… Ähem. Einer der Männer bietet uns seine Handschuhe an – falls wir frieren, weil wir keine anhaben.

 

To-Do-Liste für EU-Abgeordnete:

  • humanitäre Krise beenden
  • binnenpolitische Krise beenden
  • globale wirtschaftliche Krise beenden
  • gesellschaftlich-soziale Krise beenden

Naja, Europa…

Solidarity is our weapon. Viva la Anarchia!

 

Miratovac 17.11.15 / 11 a.m.

Gleich machen wir uns auf den Rückweg. Wir spielen mit dem Gedanken, das Auto, was uns für die Reise geliehen wurde, zu entführen und damit durchzubrennen. Es ist uns als sichere Höhle (Schlafplatz, Arbeits- und Rückzugsraum) ans Herz gewachsen.

Nicht alles kommt wieder zurück in den Anhänger. Einer unserer Brenner bleibt in Miratovac, den können andere solidarische Gruppen hier noch brauchen und irgendwann wieder mit zurück nach Berlin/Potsdam bringen. Auch ein Erste-Hilfe-Karton und kleines Equipment wie das Internet-Dings und die Verteilersteckdosen für die öffentliche Handyladestation bleiben da.

Wenn wir unterwegs sind und zwischendurch Strom haben, wollen wir an diesem Blog weiterschreiben. Zu dokumentieren und öffentlich zu machen, was hier und anderswo passiert, scheint uns nicht nur politisch notwendig. Es spielt auch für uns persönlich eine Rolle. Die Bilder und individuellen Geschichten, die wir hier mitbekommen, sind hart. Aber was uns emotional wirklich raushaut, sind die Nachrichten offizieller und inoffizieller (binnen)europäischer Politik, die über Medien und Vernetzungskanäle mit anderen Freiwilligen bei uns ankommen. Was uns in den Bauch schlägt, ist das Bewusstsein, dass all diese Scheiße hier auf Entscheidungen irgendwelcher privilegierter Leute beruht, die Flucht vermutlich nie erfahren haben, die von Steuergeldern dazu bezahlt werden, ihren eigenen Reichtum zu schützen – und die sich auch anders entscheiden könnten. Während Menschen entlang der Blakanroute in der Kälte warten müssen, dabei mit uns quatschen und Tee trinken und davon erzählen, was sie nach ihrer Ankunft vorhaben, erhalten wir Nachrichten von rechter Hetze und faschistischen Übergriffen in Deutschland, von Abschiebungen und „Rückführungen“, von neuen „sicheren Herkunftsländern“, härteren Gesetzen gegen Fluchthilfe, von Stacheldrahtzäunen und Grenzschließungen. All das macht uns Angst.

Wir haben uns vorgenommen, auf dem Rückweg nochmal in Presevo, Sid und Dobova vorbeizufahren, um zu schauen, wie sich die Lage dort entwickelt hat.

Preševo 12.11.15

Preševo 12.11.15 / 6 p.m.

Wir hören vom Generalstreik in Griechenland. Es werden für einige Zeit keine Fähren von z.B. Lesbos ans griechische Festland fahren. Das heißt für unsere Situation in Preševo, dass zwischenzeitlich weniger Menschen ankommen werden, und danach – wer weiß.

Nachricht: Deutschland hat das Dublin III Verfahren für Geflüchtete, die aus Syrien kommen, wieder eingeführt. Seit dem 21.10.15 schon sind Abschiebungen in EU-Länder, in denen Geflüchtete auf ihrer Route vorher registriert worden sind, wieder möglich. Ausrasten. Und Angst um Freund*innen zu Hause. Die Sonne scheint.

Busdriver checking the registration papers needed for the travel
Busdriver checking the registration papers needed for the travel, Foto: David Kaupp

 

Malek’s Story (name changed)

I am down the line talking to some people, as a boy walks up to me and says ‚Excuse me! Can I ask you something about fingerprints?‘ He wants to know if it is safe to give their fingerprints in the camp here in Preševo, because he and his father want to get to Germany. I pass on the information on Germany having started Dublin III deportations again for Syrian people as well. Meaning they will be forced to go back to the first EU country they were first registered in.

Then he says ‚We are a group of five people, you know – me and my father are in front, and the others are behind. How can they come to us?‘ I tell him we can try some things, but there is no guarantee it is going to work out. We discuss it with his friends, he translates between Arabic and English, and they decide just to wait.

Malek tells me, he’s 13 years old. He grew up in Damascus in Syria. I ask him if he wants to tell me his story so we can publish it on our blog. He smiles and says ‚Sure, where do I start?‘ I ask ‚What do you want people to read?‘ He tells me ‚You know, in Syria, many people want to make violence. Everyone wants to make violence. They say I don’t like you, you are a Muslim and I don’t like you, you are not a Muslim, you are like this I want to kill you, you are like that I want to kill you. So I wanted to go! I wanted to go to Germany! I don’t know why – I love Germany. So one day me and my family fled to Turkey. There we lived in a small town and I went to fifth grade, I didn’t speak any Turkish. It was so hard, you know, my classmates sat next to me, they didn’t speak to me, and if they did, then I could not answer their questions. So for a year, I didn’t play football. I love football. After a year, I spoke Turkish. And my friends said: You have such a brain! In Turkey there is lots of Syrian people, good and bad people. We stayed in Turkey for two years, because we had no money to go to Greece. We borrowed one hundred Dollar from every man that we know. So, in August, on my birthday, my father told me: Ok we go now. And I was SO happy. Really, the happiest day in my life. The next day we went to Izmir, to get on a boat to Greece. Many people fool you. They say I will get you to Greece, but they just take your money. The first time we started in Izmir to go to Greece, halfway through the sea the motor went off. No petrol any more. So I tell my dad: We swim to Greece! But he said no. So we don’t. We had to wait and we could not make a move. Everyone needs to sit really still, or the boat is going down. Then a big Turkish ship came and took us back to Izmir for 10 Euro. It was rain and rain and rain. After 10 days, we tried again. We arrived in Greece end of October at a small island. The army was very kind and gave us jackets for the children and made a fire where we could dry our clothes. We were all wet from the sea. We waited three days in a camp in Greece, then we went to Athens. We took a bus to Macedonia, after eleven hours we arrived there at 1 am in the night. And now we are here in Preševo. My mom and my brother are still in Turkey, because we don’t have enough money for them to come.“

We ask Malek if it’s ok, if we take a portrait picture of him for us as a memory and also for the blog. He says ‚for you of course, for internet I have to ask my father!‘ As he comes back he explains ‚my father says it is too dangerous. When some people in Syria see me here, I will get into trouble. I hope this is not sad for you!‘ he worries. He is fine with us taking a picture of his shoes, and when I speak my mind ‚They are nice boots, anyway!‘, he looks at me in shock. ‚NO!‘ he laughs ‚No – they’re not!‘

Malik
Malek

I give Malek the blog address and our email, so he can read this version of his story and tell me what we should change. I say ‚I’m sorry, most of the articles are in German so far!‘ He is grinning. ‚Don’t translate it! I will learn German in some weeks and then I will read it and tell you what I think!‘ He gives me a high five and says ‚See you in Germany.‘

 

Later that day another volunteer tells me happily ‚Hey, I have seen them again, waiting at the bus station for their friends. Malek was smirking so proud, because they got through without giving fingerprints. So – happy ending of the story!‘ She smiles. But this is not the ending of any journey. The situation is getting worse. Germany has to set aside Dublin III and all the other restrictions on refugees – now!

Policeman keeping track of the names of people having entered the busses
Policeman keeping track of the names of people having entered the buses, Foto: David Kaupp

 

Preševo 13.11.15 / 2 a.m.

Wir reden im Plenum darüber, wie wir mit den emotionalen Bedürfnissen der Personen aus unserer Gruppe umgehen wollen. Es ist eine Herausforderung, sich selbst im Schichtbetrieb so zu sortieren, dass einererseits alle Leute mit ihren spezifischen Aufgabenfeldern und Arbeitsweisen zufrieden sind und sich andererseits niemand von der Gruppe allein gelassen fühlt.

Parallel gibt es ein großes Treffen von allen Volunteers. Es befinden sich Teams mit sehr unterschiedlichen Grundsätzen für die eigene Organisierung im Raum. Die verschiedenen Tendenzen lassen sich vielleicht entlang der mit Vorsicht zuzuweisenden Begriffe autonom/institutionalisiert, risikovermeidend/aufrührerisch, egalitär/autoritär, registriert/so-tun-als-ob-und-hoffen-dass-niemand-was-bemerkt, chaotisch/strukturiert und naiv/reflektiert, was den eigenen Anteil an der Reproduktion strukturellen Rassismus‘ angeht, verorten. Inwiefern Kategorisierungen anhand dieser Attribute die innere Realität der Beteiligten wiederspiegelt, können wir nicht einschätzen.

Aus unserer Perspektive ist die Volunteerstruktur sehr restriktiv. Uns wird oft ans Herz gelegt, eigenmächtige Versuche der Verbesserung zu unterlassen, damit die Gesamtsituation für Freiwillige und Geflüchtete nicht noch schlimmer werde. Wir verstehen diesen Gedanken, halten ihn aber für keine gute Handlungsmaxime.

Block of the crowd in front of an infotent
Block of the crowd in front of an infotent, Foto: David Kaupp

Wir wollen, auch wenn es strikt verboten ist, eine Essensversorgung auf die Beine stellen. Suppe auszugeben finden wir zu gefährlich. In der dicht an dicht gedrängten Menschenmenge kann es leicht passieren, dass heiße Flüssigkeit aus den Tellern schwappt und sich jemand verbrüht. Wir entscheiden uns dafür, Brot und Aufstrich zu machen und Sandwiches auszuteilen. Die Planung erfolgt klandestin und wird daher relativ amüsant. Heimlich wird ein riesiger Topf Bohnenaufstrich gekocht, und in den frühen Morgenstunden schmieren wir wie am Fließband Brote. Hinten im Garten des Volunteerhauses hört man regelmäßig die aufgewühlten Rufe in der Menge aufbranden.

Es brechen sich immer wieder Konflikte zwischen den Refugees Bahn. Bei näherer Betrachtung scheint uns das völlig logisch: Oft sind sie aus der selben Region geflohen und haben sich dort in Opposition zueinander befunden. Leute aus verschiedenen politischen Fronten hören nicht plötzlich mit der Flucht auf, politisch zu denken und zu handeln. Viele haben in Kriegen Freund*innen verloren und sehen auch Personen, die dafür verantwortlich sind, das Land verlassen. Wir hoffen, dass viele der Menschen, die für freiheitliche Ideale kämpfen, die Repression überlebt haben und Erfahrungen mit revolutionärer Organisierung mitbringen, nach Deutschland kommen. Vielleicht können wir von ihnen lernen und die Zustände werden auch dort endlich besser.

Zwischendurch ist es immer wieder still und entspannt an verschiedenen Stellen auf der nächtlichen Wartestraße. Wir bauen eine Handdesinfektionsstelle für alle auf. Aus alten Kartons und ganz viel Gaffa basteln wir eine Halterung dafür an einen Laternenpfahl. Leute scheinen glücklich darüber, sich in der ganzen sanitären Katastrophe wenigstens die Hände säubern zu können. Wir geben im Licht der Laterne kleine Infokärtchen aus und reden mit den Wartenden. Einer zeigt uns eine Kopie des Ausweises seiner Ehefrau mit ihrem Passbild und fragt uns: “My wife is in Finland. How can I go to her?” Wir müssen berichten, dass Schweden gerade für 10 Tage die Grenze dicht gemacht hat. Über Deutschland und Dänemark kommt jetzt niemand nach Norden durch. Wir sind uns unsicher, als wir erzählen, er könne versuchen, über Russland nach Finnland einzureisen. Wir zucken viel mit den Schultern, um unsere eigene Glaubwürdigkeit zu relativieren.

Friends or family beeing separated in different blocks of the queue have seldom the chance to speak to oneanother
Friends or family beeing separated in different blocks of the queue have seldom the chance to speak to oneanother, Foto: David Kaupp

Diese Nacht sind sehr viel weniger Helfer*innen auf den Beinen als die Nächte davor. Es ist sinnvoll, für sich Routinen zu finden und eine klare Arbeitsteilung zu kommunizieren, um sich nicht gegenseitig ins Handwerk zu pfuschen. Die ganze Nacht lang kochen wir krümligen Schwarztee in der altbewährten abgeschnittenen und zugeknoteten Strumpfhose und fahren mit unserer mobilen Teestation an der Warteschlange auf und ab. Irgendwann in den Morgenstunden fangen wir vor lauter Müdigkeit an, Filzstiftsmileys auf die gekochten Eier zu malen, um sie von den ungekochten unterscheiden zu können. Beim Austeilen gibt es zweimal den beklemmenden Moment, dass Leute auf uns einstürzen und wir überfordert sind. Die meiste Zeit, die wir umhergehen, bleiben die Menschen in den Warteschlangen entspannt und haben stellenweise sogar noch den Nerv, sich zu bedanken. Viele geben das Essen weiter, wenn sie schon etwas bekommen haben. Oft wandert das Zeug, das wir austeilen, von vorne nach weiter hinten in die Schlange.

Trotz aller beeindruckenden oder bewegenden Momente werden wir immer zynischer, je länger wir die Situation hier beobachten. Flüchtlinge sind keine Haustiere. Stellenweise drängen sich unschöne Parallelen auf: Ich erfülle die Grundbedürfnisse meines Haustieres, streichle es in der Öffentlichkeit, und alle halten mich für einen wahnsinnig guten und tollen Menschen, weil ich so liebevoll mit Lebewesen umgehe, die doch soweit unter mir in der Nahrungskette stehen. Im Duden steht neben „tierlieb“ und „kinderlieb“ mit Sicherheit bald das nächste Unwort des Jahres: „refugeelieb“. Kotz.

Es erfordert viel emotionale Arbeit, uns umeinander zu kümmern. Alle sind im Stress und unsere Kraftreserven sind erschöpft. Deshalb hauen auch altbekannte Wunden, die wir zu Hause vielleicht leichter bearbeiten/verdrängen könnten, voll rein. Die Frage kommt mehr als einmal hoch: Worüber darf ich traurig sein, womit darf ich zu kämpfen haben, im Angesicht so vieler Leute, die aus ihren Lebenskontexten fliehen mussten und grade in entmenschlichende Situationen gezwungen werden? Ein Antwortversuch: Jede Person hat ein Anrecht auf ihre eigene Schmerzskala. Wunden müssen nicht aneinander relativiert werden. Gleichzeitig haben wir alle, je nach Situation und Position in der wir uns befinden, verschiedene Möglichkeiten, mit unseren Verletzungen umzugehen. Es ist unsere Verantwortung, diese Möglichkeiten ins Verhältnis zu setzen, und Coping-Strategien zu wählen, die anderen kein zusätzliches Leid zufügen.

 

Miratovac 13.11.15 / 2 p.m.

wasserwerfer
Skandal! Deutsche Wasserwerfer in der Nähe des Camps gesichtet!

 

Am nächsten Tag kaufen wir im Supermarkt zwei volle Paletten 0,5 l Flaschen Wasser leer und fahren los nach Miratovac, einem kleinen Ort 10 km von Preševo entfernt, direkt an der Grenze zu Mazedonien. Hier haben unabhängige Volunteers einen unbenutzten Laden angemietet, der nun als Spendenlager und Arbeitsbasis genutzt werden kann.

Der Ortswechsel tut gut. Unsere Augen sehen andere Bilder und der Kopf kann sich neu sortieren. Hier kommen weniger Menschen auf einmal an uns vorbei, und es ist leichter, miteinander ins Gespräch zu kommen.